Wenn man die Frage so stellt, wie sie Horst Wetterling formuliert hat, kann sie sowohl vom Staat als auch von der Kirche schlechterdings nur mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden. Von unserem Staat deshalb, weil er als säkulares und pluralistisches Gebilde verfaßt ist, und von der Evangelischen Kirche, weil sie andernfalls ihre eigene Verkündigung Lügen straft. Solange jedenfalls die Christen ihren Glauben ernst nehmen, können sie von niemandem fordern, er müsse ein Christ sein. Denn den Glauben kann man nicht dekretieren, sondern höchstens anbieten.

Aber ist die Frage von Horst Wetterling richtig gestellt, wenn er damit das Problem der christlichen Gemeinschaftsschule anvisieren will? Sollte mit der Vokabel "christlich" eine "christozentrische" Erziehung gemeint sein, sollte also der Schule die Funktion der Verkündigung und damit der Kirche auferlegt werden, dann hätte er mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen. Aber "sollte es darauf ankommen" – um Wetterling zu zitieren – "Kinder zu lehren, daß die geistige Situation Europas... durch die christliche Tradition... bestimmt wurde", so wäre das Attribut "christlich" vielleicht doch nicht überflüssig. Denn ist wirklich sicher, was Wetterling voraussetzt: "Kein gewissenhafter und gebildeter Lehrer wird seinen Schülern verschweigen, welchen Anteil der christliche Glaube an der Ausprägung der Gestalt von Nationen und Personen hatte und hat"?

Es dürfte jedenfalls gerechtfertigt sein, wenn der Staat durch seine Verfassungsgrundsätze das Gewissen und die Bildung des Lehrers dahingehend orientiert, daß er jene geschichtlichen und religiösen Tatbestände in der ihnen angemessenen Weise beim Unterricht zur Geltung bringt. Sofern sich in unseren Nachkriegsverfassungen dieses christliche Element durchsetzte, waren dafür ja nicht in erster Linie klerikale Motive, sondern zeitgeschichtliche Einsichten maßgebend. Nach dem völligen Ruin, den die nationalsozialistische Erziehungsära verursacht und hinterlassen hatte, lag es nahe, die Erziehung wieder an jene Wertordnungen zu binden, die sich als tragendes Element unserer Geschichte bewährt hatte. In diesem Sinn dürfte auch die weit überwiegende Mehrheit der Gesellschaft dem christlichen Charakter des Schulwesens ihre Zustimmung geben, und eine Menge von Umfragen deuten darauf hin, daß auch Eltern, die selbst keine Bindung zur Kirche mehr haben, für ihre Kinder eine christlich orientierte Erziehung wünschen.

Hier aber liegt nun die eigentliche und eigentümliche Problematik der gegenwärtigen religiösen Situation: Obschon die überwiegende Mehrheit der Kirchenmitglieder von ihrer Kirche keinen Gebrauch macht, wollen sie ebensowenig auf sie verzichten; obwohl sie nicht an Christus als den "Herrn ihres Lebens" glauben, bejahen sie doch das Christentum; auch wenn sie sich selbst nicht nach der christlichen Ethik richten, halten sie doch die christlichen Moralgrundsätze für notwendig – zumindest für die Kindererziehung und als eine "fleet in being für die Gesellschaft.

In diesem Spannungsfeld nun ist die sogenannte "christliche Gemeinschaftsschule" zu sehen, und von dieser Diskrepanz ist der gewissenhafte Lehrer in seinem Gewissen belastet. Niemand kann von ihm erwarten, daß er christlicher ist als der Durchschnitt der Gesellschaft, und deshalb müßte er sich überfordert und vergewaltigt fühlen, wenn er seine "christliche" Erziehungsaufgabe als überzeugter und gläubiger "Zeuge Christi" zu erfüllen hätte. Darin hat Horst Wetterling recht: Der säkulare Staat hat nicht das Recht, seine Lehrer zu verpflichten, daß sie ihren Schülern den Glauben an Christus "beibringen". Selbst wenn der Staat diese Aufgabe stellt, müßte sich die Kirche dagegen verwahren. Denn sie müßte wissen, daß nur der Glaube den Glauben wecken kann. Dies aber ist einzig und allein die Aufgabe und die Chance der christlichen Gemeinde, das Vorrecht und die Verpflichtung der Verkündigung und des Glaubenszeugnisses. Wenn sich ein Lehrer in diesem Sinn als Glied der Gemeinde versteht, soll er das Recht und die Freiheit haben, auch in seinem Unterricht diesen Glauben zur Geltung zu bringen. Wenn er aber selber kein "Glaubender" ist, kann ihn weder eine Schulbehörde noch eine Kirchenleitung zu einer solchen Heuchelei verurteilen.

Das Widerwärtige an der aktuellen Diskussion um die christliche Schule wird vor allem daran sichtbar, daß sie an den Realitäten vorbei zu einem Kampf um ideologische Machtpositionen ausartete. Denn die eigentliche Realität ist doch darin zu sehen, daß es die Schule in erster Linie lernen müßte, ihre Schüler zu mündigen Bürgern und zum sachlichen Umgang mit der Welt von heute zu erziehen, und daß sie darin auf Grund ihrer patriarchalischen Traditionen weithin versagt. Was aber die Kirche betrifft, so sollte sie ihre Energien auf die Stelle konzentrieren, an der ihr die wirklich legitime Chance zugewiesen ist: Sie hätte den (vom Staat konzedierten) Religionsunterricht so glaubwürdig, so sachlich und so überzeugend zu gestalten, daß von ihm jene Kräfte ausstrahlen, die einen jungen Menschen zum Christen machen können.