Von Lutz Lehmann

Und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte ... und einmal, – ein doppelschornsteiniges Lazarettschiff war eingelaufen, und wir hatten nach kurzem Hin und Her die "Kaiser" vom Seedienst Ostpreußen ausgemacht, ging Joachim Mahlke ohne Schraubenzieher hinunter in den Bugraum... und einmal – ich weiß nicht mehr in welchem Sommer – war es während der ersten großen Ferien auf dem Kahn, kurz nach dem Rummel in Frankreich, war es im Sommer danach?

...und einmal und immer wieder: Mahlke, Joachim, Träger eines überdimensionalen Halsknorpels, der einer Katze zur Maus wurde, der Große Mahlke, so genannt von Günter Grass.

"Das mit dem Knorpel", so sagt Peter Brandt, der ältere der beiden Söhne des Berliner Regierenden Bürgermeisters, die sich für die Rolle des Mahlke qualifiziert haben, Lars für den jüngeren, Peter für den älter gewordenen Mahlke, als er neben mir dünne Füße an langen Beinen durch den pfeifenden Sand des Seebades Sopot zieht, "das mit dem Knorpel hat sich im Laufe der Dreharbeiten als nicht mehr so entscheidend erwiesen". So bleibt Mahlkes Artikel ein Unikat, entbehrlich, weil nicht wiederholbar; bleibt die Breitwanderzählung von Mahlke trotz allem und jedem ein Film ohne außerordentlichen Knorpel.

"Katz und Maus" steht deutlich auf dem im übrigen polnisch beschriebenen Produktionsplan, der jeden Abend für den nächsten Tag am Schwarzen Brett im Hotel Dom Marynarza, "Haus der Marine", in Gdynia ausgehängt wird. Hier wohnen neben den neunundzwanzig Mitgliedern der technisch assistierenden Produktionsgruppe Rytm von Polski-Film die Hauptdarsteller Lars und Peter Brandt mit der "Gruppe um Mahlke", sechs Berliner Oberschülern aus dem Freundeskreis der Bürgermeistersöhne, die Berliner Germanistik- und Theaterwissenschaft-Studentin Claudia Bremer, hier nur mit ihrem Filmnamen Tulla angesprochen, sowie die Mehrzahl der Mitglieder des zehnköpfigen deutschen Stabes. Kameramann Wolf Wirth und die Berufsschauspieler haben sich im Grand-Hotel Sopot niedergelassen, Regisseur und Produzent Hansjürgen Pohland verlegte das Domizil seiner vierköpfigen Familie für diesen Sommer in die Obergeschoß-Wohnung einer Arztvilla in Gdynia. Hier ist der Schauplatz nächtlicher Regiebesprechungen und Drehbuchwandlungen.

Der jetzt dreißigjährige Pohland, der für seine Kurzfilmarbeit den Kunstpreis der Stadt Berlin und für die Boll-Produktion "Brot der frühen Jahre" den Bundesfilmpreis erhalten hat, übernahm mit der Realisierung des Grass-Stoffes seine erste große Spielfilm-Regie. Die Sache, die jetzt gut voranzukommen scheint, hat eine ebenso lange wie sorgenreiche Vorgeschichte. Nachdem Pohland 1961 mit dem halbdramatischen Impressionsfilm "Tobby" außerdokumentarische Regie-Fingerübungen erfolgreich abgeliefert hatte, fühlten sich Uwe Johnson und Günter Grass zu Filmüberlegungen mit dem jungen Produzenten angeregt. Bei den Gesprächen über bis heute nicht geschriebene Originalstoffe entstand der Gedanke, den schwierigen Mahlke auf die Leinwand zu bringen.

Im Sommer 1962 entstand das erste Drehbuch im Grass-Haus am Lago Maggiore, eine Gemeinschaftsarbeit von Grass, Pohland, Wirth und Walter Henn, dem so erfolgreichen jungen Berliner Theaterregisseur, den die Filmkrise reizte, sich hinter der Kamera zu versuchen. Ein Informationsbesuch am Tatort des Mahlke-Geschehens ergab so verblüffende Übereinstimmung mit der Grass-Erzählung, daß Pohland beschloß: hier und nirgends anders wird der Film gedreht. Film-Polski zeigte sich einverstanden und unterstützungsbereit. Alles war vorbereitet für eine Produktion von "Katz und Maus" im Sommer 1963. Doch im Frühjahr starb Henn. Das war ein schmerzlicher Verlust für das Berliner Theater – für diesen Film schien es das Ende zu sein.