Von Thilo Koch

Die Kultur ist dort, und wir sind hier. Dazwischen liegt das Niemandsland falscher Ehrfurcht. Oder sollten wir nicht versuchen, Kultur wo immer möglich in unseren Alltag zu integrieren, anstatt sie zu einem Sektor, einem Ressort für sich zu machen? Unsere Wohnungen und Büros, unsere Hotels und Fabriken bleiben entweder erschreckend leer, oder man stopft sie voll mit billigem oder teurem Schlechten.

Sollten wir nicht nach einer neuen Gebrauchskultur verlangen? Seit den Anfängen im Dessauer Bauhaus sind die Bemühungen um die gute Form ein tüchtiges Stück vorangekommen. Aber dieses neue, gesündere Verhältnis zur Form der Gegenstände des täglichen Bedarfs ist nur die eine Seite eines wünschenswerten Umdenkens. Auch unsere Einstellung zum Kulturerbe dürfte näher und unbefangener, weniger beflissen, weniger romantisch werden.

Man darf gewiß nicht so weit gehen, Kirchen in Kinos zu verwandeln. Aber darf zum Beispiel aus einem Zeughaus des siebzehnten Jahrhunderts nicht ein Warenhaus des zwanzigsten werden?

In Augsburg will der Kaufhauskonzern Horten das 1607 von Elias Holl erbaute Zeughaus in einen Neubau seiner dortigen Filiale einbeziehen. Ein heftiger Meinungsstreit hat sich daran entzündet, der weit über Augsburg, ja über Bayern hinaus Ideologen und Pragmatiker miteinander konfrontierte. (Auch die ZEIT brachte im März 1966 eine Stellungnahme von Gerhard Jürgen Zimmer – gegen die Kaufhauspläne.) Jetzt kam es in Augsburg zu einer ausführlichen Darlegung aller Standpunkte, denn der Streit um den Elias-Holl-Bau droht in die verwaltungsrechtlichen Mühlen zu geraten, und ein letzter Versuch zur gütlichen Einigung erschien angebracht. Wird sie nicht erreicht, so kommt es wahrscheinlich zum Prozeß zwischen der Stadt Augsburg, die den Erbpachtvertrag mit dem Horten-Konzern abzuschließen wünscht, und der Regierung von Schwaben, die ihre Genehmigung verweigerte.

Der Fall ist charakteristisch, und nachdem ich in Augsburg sämtliche Argumente vernommen hatte, ging es mir zunächst wie jedem, der sich um Verständnis nach allen Seiten hin bemüht – mir schien: sie haben alle, alle recht.

Da sprachen die Augsburger Bürger, die sich in der "Augsburger Aktion" zusammengeschlossen haben: Nein, man dürfe dieses trotz Bomben und Zahn der Zeit wohlerhaltene Bauwerk nicht weggeben; das Zeughaus zum Warenhaus zu machen, sei eine üble Profanierung.