Wir wissen wenig von der DDR, Venedig ist nahe, Dessau ist weit, das Neue Deutschland darf man nicht lesen, den Deutschen Fernsehfunk können nur die Staatsgrenzen-Anrainer sehen, Reisen westlicher Beamter sind Schranken gesetzt, östliche Behörden reagieren auf Gesuche, ich möchte nach Weimar, um den Frauenplan und das Gartenhauschen zu sehen, meistens befremdet. Es ist leichter, die Amazonas-Wildnis zu durchforschen, als (wenn man aus Hamburg oder Tübingen stammt) von Kamenz nach Chorin, von Chorin nach Greifswald, weiter nach Apolda, weiter nach Meiningen zu reisen oder gar vier Wochen lang auf Fontanes Spuren, vergleichend und prüfend, die Mark zu durchwandern: Kunstfahrten durch die DDR, Einkehr in Tiefurt, Einkehr im Hörsaal 6 der Berliner Humboldt-Universität, in dem Kierkegaard und Friedrich Engels einst das Kolleg des schwäbelnden Schelling anhörten ... ein Traum, eine Phantasterei, eine Illusion.

Wir sind bescheiden geworden, ein paar Dutzend Filmmeter aus Adlershorst, abphotographiert und in Jürgen Rühles vortrefflicher Sendereihe Ost und West zur Diskussion gestellt, wirken wie Kassiber, die nicht nur der schlichte Bild-Leser mit einigem Erstaunen betrachtet. Da sah man, in der Sendung Hallo Genossen, einem von Ingrid Ohlenschläger (Ohle von der Distel, Sie wissen) kommentierten Bericht über das Kabarett in der DDR... da sah man einen Mann namens Eberhard Cohrs, der in Anwesenheit von Dresdener Bürgern und unter den Augen der Kameramänner der Stimmung des allgemeinen Mißtrauens, der Besorgnis und der Unsicherheit in einer Weise Ausdruck gab, daß der Betrachter am Bildschirm vergaß, wo er war, da er sich leibhaftig unter den Dresdenern sah, daß er lachte und sich umdrehte, während er lachte, sich auf die Schenkel klopfte und dabei bemerkte, wie der bürgerlich gekleidete Herr drei Sitze weiter rechts bei der Darbietung überhaupt nichts Komisches fand – er registrierte das und mußte doch lachen über den Shakespeare-Narren auf der Bühne, den Kellner, der immer wieder ansetzte, um zu erzählen, was drei Herren, betrunken natürlich, total betrunken, denn sonst hätten sie’s ja niemals gesagt, was sie gemeint hatten, die Bezechten, der immer wieder ansetzte, dem Gast das Revers umstülpte, um zu sehen, ob er auch kein Parteiabzeichen verberge, sich horchend umwandte, wieder von vorn begann, um endlich, auf dem Höhepunkt der Spannung, als schon festzustehen schien, daß etwas ganz Schlimmes, möglicherweise etwas gegen den Landesvater selbst Gerichtetes geäußert sein mußte, mit einer Pointe zu schließen, Prost haben die Betrunkenen gesagt, die billig und fad zu sein schien.

Doch dieses eben ist das Wesen eines Kabaretts, das sich der Sklavensprache zu bedienen hat: entschärfte Pointen, aber Arabesken aus Granit, keine Zuspitzung auf eine fixierte Maxime (wie in München oder Düsseldorf), sondern böse Exkurse, stachlige Zweifel, brisantes Verschweigen, verwegene Dialektik. Wenig Invektiven gegen Personen (aus gutem Grund), dafür Erörterungen von zentralen Problemen, Fragen der Moral, der Lebensführung, der persönlichen Entscheidung ... und dies unsentimental, beiläufig, anschaulich, aber sehr ernsthaft.

Der eine Parade-Sketch vom Mädchen, das sich nicht zwischen Freddy mit dem Motorrad und Rudolf (nein, er hieß anders) mit der FDJ-Klampfe, zwischen imponierendem Individualismus, aber zynisch, aber skrupellos, und altvorderlichem Sozialismus, aber ehrenwert, aber vernünftig, zu entscheiden wußte, so daß es wie Herakles am Scheidewege zwischen dem kessen Verführer und dem Mütterchen stand, das sich so gar nicht zurechtzumachen verstand, dieser eine Sketch enthüllte mehr von der Mentalität der zweiten DDR-Generation als manchem hierzulande lieb sein mag, der hüben und drüben, die Probleme hier und die Probleme da vergleicht. Momos