Von Karl Heinz Wocker

London, Mitte August

Anfang April bildete Harold Wilson eine Regierung, von der man angesichts des Wahlausgangs annehmen mußte, daß sie fünf Jahre im Amt bleiben werde. Damit schien für England zum erstenmal seit 1963 eine langfristige Wirtschaftspolitik möglich. Das Dahinwursteln auf Abruf konnte ein Ende nehmen. Anfang Mai legte Finanzminister Callaghan einen Haushalt vor, der nicht gerade rosige Zeiten versprach, aber doch eine gewisse Beruhigung der Gemüter anstrebte. Im Juni erneuerten die europäischen Zentralbanken ihren Kredit für die Bank of England; die vorübergehend wieder aufgetauchten Währungssorgen schienen damit ebenfalls gebannt.

Das ist jetzt sieben Wochen her. In der Zwischenzeit aber geriet das Pfund in die schwerste Vertrauenskrise, die jemals die Währung eines westlichen Landes seit dem Kriege getroffen hat. Wie war es möglich, daß während des Monats Juli plötzlich alle günstigen Voraussetzungen nichts mehr halfen? Und es waren ganz offenkundig nicht nur die "Gnomen von Zürich", die dem Pfund Sterling nicht mehr trauten. Es war nicht nur die Pariser Politik, die auf dem Umweg über das Pfund den amerikanischen Dollar bedrängen wollte.

Diesmal halfen vor allem Englands eigene Finanzmakler mit, den Kurs zu drücken. Devisen für Exportleistungen, die erst in einigen Monaten fällig gewesen wären, wurden bereits jetzt beschafft – ein Zeichen der allgemeinen Erwartung, der Devisenkurs des Pfundes werde sich bis zum Herbst sicher noch verschlechtern. Was man befürchtete, half man herbeiführen. Auch dies war wieder vorwiegend eine Krise in den Köpfen, weniger eine Krise in den Tatsachen. Man kann es den Bedenken ablesen, die in der Wirtschafts- und Finanzwelt daheim und im Ausland gegen die Politik der Regierung vorgebracht wurden.

Nicht hart genug

Zunächst vermißte man ein hartes Nach-Wahl-Budget. Das Bestreben der Labour Party, dem Wähler nicht zum Dank drastische Steuererhöhungen aufzubürden, hielt man für einen unverantwortlichen Luxus. Die gleichen Leute, die für jeden Vor-Wahl-Boom großes Verständnis zeigen (vor allem, wenn er von einer konservativen Administration inszeniert wird), verlangen nach einer Wahl drastische Maßnahmen (vor allem, wenn Labour gewonnen hat). Was Callaghan im Mai ankündigte, nämlich eine Kombination von Steuererhöhung für die nichtproduktiven Betriebe (umsie dem Steuerniveau der Industrie anzugleichen) und Herausfiltern von Arbeitskräften aus dem überbesetzten Dienstleistungsgewerbe, das sich der Automation zuwenden solle, dies leuchtete der Wirtschaft nicht sehr ein, vor allem weil es erst im Herbst in Kraft treten und sich praktisch erst für den nächsten Haushalt auswirken sollte. Es fehlte die scharfe Bremse für die Nachfrage auf dem Inlandsmarkt und eine ebenso energische Förderung des Exports.