Von Zbigniew Krasicki

Fast unentwegt fanden damals in Warschau Versammlungen statt – an der Universität, der Technischen Hochschule, in den großen Betrieben. Fast immer gab es dabei Resolutionen mit Forderungen und Reformvorschlägen, die an das Zentralkomitee der Partei weitergeleitet wurden. Einmal versammelten sich auch die Angestellten der Zensur, und in ihrer Resolution forderten sie schlicht die Auflösung des Amtes, das ihnen bisher Brot und Arbeit gegeben hatte.

Die Versammlung fand im Oktober 1956 statt – die Zensur aber gibt es in Polen noch immer.

Die von den Kommunisten gleich nach dem Kriege errichtete Zensur war für Polen nichts Neues. Die Bücher, die vor 1914 in Warschau erschienen sind, haben in kyrillischen Buchstaben und russischer Sprache eine Art Imprimatur der zaristischen Zensur. Die Werke der bedeutendsten polnischen Dichter zu drucken, war im neunzehnten Jahrhundert jahrzehntelang verboten. Die Zensur kontrollierte das Theater, die Presse und das gesamte Verlagswesen. Viele Verleger sahen sich gezwungen, in Galizien Filialen zu gründen und Bücher, die das Mißfallen der zaristischen Zensoren erregen konnten, dort drucken zu lassen.

Als Polen 1918 seine staatliche Unabhängigkeit wiedergewann, trat bald schon eine polnische an die Stelle der russischen Zensur. Große weiße Flecken in den Zeitschriften waren damals keine Seltenheit. Sogar ein Stück der aufsehenerregenden, ungemein kritischen Reportage André Gides über die Sowjetunion, die in Fortsetzungen von der bedeutendsten damaligen polnischen Wochenzeitung, den Wiadomosci Literackie gedruckt wurde, fiel dem Rotstift der Zensoren zum Opfer.

Etwas Ähnliches konnte nach dem Krieg nicht mehr passieren. Die Kommunisten bauten einen riesigen Apparat der Vorzensur auf. Alles Geschriebene muß, sobald es gesetzt ist und ehe es in Druck geht, dem Zensor vorgelegt werden. In den Druckereien der Zeitungen amtieren in eigenen Büroräumen Angestellte der Zensur. Sie können einen Artikel kürzen oder ganz verwerfen, ohne daß sie ihre Entscheidung zu begründen brauchen. Wird ein Artikel konfisziert, so muß die Redaktion einen Ersatztext nachreichen. Weiße Flecken darf es also nicht geben. Aber manchmal merkt man an der Art, wie die Nummer einer Zeitung aufgemacht ist, zum Beispiel wenn etwas völlig Belangloses an einer zentralen, zunächst für einen wichtigen Artikel bestimmten Stelle steht, die Hand des Zensors.

In den meisten kommunistischen Ländern gibt es diese Art Vorzensur nicht mehr. In Polen jedoch ist nicht damit zu rechnen, daß sie so bald verschwindet.