Natürlich ist die mächtige Zensur nur ein Teil und ein Ausdruck eines sehr weitreichenden und verzweigten Kontrollsystems. Jeder polnische Journalist, Publizist, Schriftsteller hat mit der Zeit eine Nase dafür bekommen, wieviel er sich in der jeweiligen Situation herausnehmen darf und was er gar nicht erst zu versuchen braucht. Der erste Vorposten der Zensur befindet sich also im Gehirn des Schreibenden. So wird das, was bei der Zensurbehörde anecken könnte, meist gar nicht erst zu Papier gebracht.

Hinzu kommt, daß die Redaktionen für von ihnen bestellte und angenommene, aber von der Zensur konfiszierte Arbeiten kein Honorar zu bezahlen brauchen, und weiter, daß der Publizist, der es häufig mit dem Zensor zu tun bekommt, sich bei den offiziellen Instanzen unbeliebt macht und ihm dementsprechend die Zensoren ganz besonders streng auf die Finger sehen, so daß sie bei ihm schließlich auch zwischen Zeilen, die sie einem anderen anstandslos durchgehen ließen, Anstößiges vermuten und einschreiten zu müssen glauben.

Der nächste, noch wichtigere Vorposten der Zensur befindet sich in den Redaktionen und Verlagshäusern. Läßt ein Redakteur oder Lektor zu häufig Texte zum Zensor gelangen, die dann von diesem beanstandet werden, fällt er unangenehm auf. Er wird also, wenn er Wert darauf legt, seine Stellung zu behalten oder gar voranzukommen, in den ihm vorgelegten Texten selbst mit dem Rotstift hantieren, um jede Intervention des Zensors überflüssig zu machen, und es ist durchaus möglich, daß diese der offiziellen Vorzensur vorausgehende halbprivate Präventivzensur gelegentlich sehr viel strenger gehandhabt wird als die offizielle Vorzensur selbst.

Natürlich lassen sich einschneidende Wandlungen feststellen, wenn man die Zensur von heute mit der während des Stalinismus üblichen vergleicht. Der stalinistische Totalitarismus verfügte über Kriterien, die – mochten sie auch wandelbar oder irrational sein – dennoch ebenso eindeutig wie verbindlich waren. Der Zensor der nachstalinistischen Zeit besitzt kein rundes System von Kriterien und festgelegten Werturteilen mehr. Woran er sich zu halten hat, ist nicht mehr eine komplett systematisierte Ideologie, sondern ein politischer Kurs und eine Fülle von widerrufbaren oder auch in Vergessenheit geratenen Einzelanweisungen.

Über das Werk eines in der Emigration lebenden und dem kommunistischen Regime nicht freundlich gesinnten polnischen Schriftstellers konnte in der Zeit des Stalinismus selbstverständlich keine sachliche kritische Studie erscheinen, da der Emigrant ganz automatisch als Knecht und Agent des Imperialismus galt. Jetzt ist das anders. Im gegebenen Augenblick kann über den Emigranten X recht objektiv geschrieben werden, während der Name des Emigranten Y nicht einmal erwähnt werden darf, weil Y, der sich in seinen politischen Ansichten von X keineswegs zu unterscheiden braucht, durch irgendeine, vielleicht nur angebliche Äußerung den Zorn der Parteiführung erregt hat. In einem Jahr steht vielleicht X auf der schwarzen Liste, während der Ärger über Y inzwischen verraucht ist.

Für den Stalinismus gab es nichts, was nicht politisch relevant, gut oder böse gewesen wäre. Der Kontrollapparat hatte nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form des zu Publizierenden zu überwachen. Mit dem Zusammenbruch der allumfassenden stalinistischen Ideologie ist der Bereich des Kontrollierten geschrumpft. Wie der Dichter und Schriftsteller schreibt, bleibt ihm überlassen; er kann sich heute ohne weiteres einer Form bedienen, die früher als direkter Ausdruck des amerikanisch-imperialistischen Gangstertums gebrandmarkt worden wäre. Ein hypermoderner, völlig unpolitischer Dichter wird zwar vom Regime nicht sonderlich gefördert werden, aber gegen die Veröffentlichung seiner Werke hat kein Zensor einen Einwand vorzubringen.

Bei näherer Betrachtung des Presse- und Verlagswesens im heutigen Polen macht man die verblüffende Entdeckung, daß die Spielräume, in denen sich die einzelnen Autoren frei und unbehindert tummeln können, sehr verschieden groß sind. Da gibt es zum Beispiel zwei sehr alte, fleißig schreibende Damen, von denen sich die eine einer nahezu kompletten Freiheit erfreut, während die andere immer wieder gegen die von der Zensur errichtete Barriere prallt. Die erste der beiden Damen schreibt seit vielen Jahrzehnten für die heranwachsende Jugend patriotische Geschichten über polnische Helden der Vergangenheit. Sie war von Jugend auf national gesinnt und ist es immer geblieben. Ihre Arbeiten wirken zwar etwas verstaubt, aber auch positiv und aufbauend. Von Marx und Engels, Lenin und Stalin hat sie nie eine Zeile gelesen. In fortschrittlichen Kreisen und nicht zuletzt auch bei der gleichaltrigen Frau B. gilt Frau A., die nebenbei gläubige Katholikin ist, seit vielen Jahrzehnten als stockkonservativ. Aber dieser Konservativismus schadet ihr im heutigen Polen nicht. Frau B. dagegen hat fast ihr ganzes Leben im Kampf um die kommunistische Revolution verbracht. Sie hat unendlich viel erlebt, Schwetes, aber auch Interessantes; sie wurde von wieder geschätzt, von drängt verfolgt, dann wieder rehabilitiert. Es drängt sie, die vielfältigen und wirren Erfahrungen ihres Lebens zu ordnen und darzustellen. Aber die Zensur, die es nun einmal nicht gern hat, wenn heiße Eisen angefaßt werden, läßt nur den kleinsten und harmlosesten, den im Grunde nichtssagenden Teil ihrer Manuskripte passieren. So ist nicht verwunderlich, daß die altkonservative Frau A. dem Regime nahezu kritiklos freundlich gegenübersteht, während die Altkommunistin B. höchst vergrämt und verbittert ist.