Solche Nebenwirkungen der Zensur werden durch die ursprüngliche Funktion des gomulkistischen Kontrollapparats, die auf den Herbst 1956 zurückgeht, erklärbar.

Als Gomulka damals wieder an die Macht kam, dachte er nicht daran, der Forderung der Zensoren auf Aufhebung ihres Amtes nachzukommen. Ja, die Aufrechterhaltung der verhaßten Zensur mußte auch vielen freiheitshungrigen Polen im damaligen Augenblick eher als ein Gebot vernünftiger Realpolitik denn als Ausdruck diktatorischer Absichten erscheinen. Das Tauwetter war über Polen mit sehr viel vehementerer Gewalt hereingebrochen als über die anderen osteuropäischen Länder. So sehr sich die Polen darüber freuten, daß das stalinistische System zusammengebrochen und die Dinge in Fluß gekommen waren, so mußten sie doch gleichzeitig befürchten,daß eine Weiterführung der Tauwetterbewegung eine blutige sowjetische Intervention heraufbeschwören könnte.. Die Partei war damals in zahlreiche, einander befehdende Fraktionen gespalten, das Gros ihrer Funktionäre desorientiert. In den vorausgegangenen Jahren hätten überzeugte oder opportunistische polnische Stalinisten so viel Unheil angerichtet, daß in weiten Teilen der Gesellschaft die verständliche Neigung bestand, Schuldige zu suchen und zu bestrafen. Kirchliche und nationale Kreise strebten mehr oder weniger offen danach, der Parteiherrschaft überhaupt ein Ende zu bereiten. Aus alledem ergaben sich nahezu zwangsläufig die Hauptstoßrichtungen der gomulkistischen Kontrolle: Es sollte alles vermieden werden, was die Krise in den Beziehungen zwischen Polen und seinen kommunistischen Nachbarn verschärfen mußte, man wollte die Abrechnung mit der stalinistischen Vergangenheit möglichst rasch einstellen, die öffentlichen Diskussionen über die wünschenswerten Formen einer sozialistischen Demokratie umgehend abbrechen und hielt es außerdem für erforderlich, alle Informationen über parteiinterne Auseinandersetzungen zu sperren.

Die von ganz oben ausgegebene Parole lautete also: stillhalten und abwarten, und diese Parole war verständlicher Ausdruck einer aktuellen politischen Situation. Nur unter der Bedingung des Stillhaltens und Abwartens konnte sich das gegebene Regime behaupten, und dieses Regime war, was damals auch viele seiner prinzipiellen Gegner durchaus" verstanden und akzeptierten, im Hinblick auf die geographische Lage Polens, im Hinblick auf die aktuelle Gefahr einer durch Interventionen herbeigeführten nationalen Katastrophe, trotz all seiner Mängel und Schwächen eben doch eine Art Verkörperung der polnischen Staatsräson.

Aus diesen Hinweisen ergibt sich dreierlei: 1. Das Ideologieprinzip ist völlig verkümmert. Die Kontrolle wird nicht mehr im Namen einer revolutionären Idee, im Namen des Klassenkampfes, des Kampfes um eine neue Gesellschaftsordnung ausgeübt, sondern um einen während des Tauwetters in Gang gekommenen Prozeß – den Prozeß der Entstalinisierung – auf halbem Wege zu stoppen und ein Regime, das als Regime der halben Maßnahmen an sich schwer haltbar ist, zu konservieren und zu stützen.

Die Zensur ist damit Bestandteil einer ungeheuren Bremsvorrichtung, die verhindern soll, daß ein vorher ins Rutschen geratener Zustand noch einmal ins Rutschen kommt.

2. Als das Regime anfangs noch sehr schwach und gefährdet war, hat es nicht ohne Erfolg an den politischen Realverstand einer öffentlichen Meinung appelliert, die zwar auf Freiheit erpicht war, es aber dennoch um der nationalen Selbsterhaltung willen akzeptieren mußte, daß ihr erneut ein Maulkorb vorgehängt wurde. Dieses am Anfang der neuen Gomulka-Ära stehende stillschweigende Einverständnis zwischen Herrschenden und Beherrschten hat wesentlich dazu beigetragen, daß in der Folge die Abwehrreaktionen der öffentlichen Meinung gegen willkürliche, rational und realpolitisch kaum mehr zu begründende Freiheitsbeschränkungen gelähmt wurden oder sich in Einzelaktionen, die jeweils nur Bruchteile der Gesellschaft betrafen, verzettelten.

3. Die nationale Krise des Herbstes 1956 ist inzwischen längst überwunden, mit seinen kommunistischen Nachbarn lebt Polen heute in Frieden und Eintracht, aber die Kontrollorgane und mit ihnen die Zensur haben genau die Funktion behalten, die ihnen aus der damaligen Situation heraus zugewiesen wurde. Die Zensur hat also weiter die Beachtung der Abwarte- und Stillhalteparole zu gewährleisten, einer Parole also, die sich in einer Zeit der Konsolidierung und Stabilisierung nicht mehr rechtfertigen läßt, ja das vernünftige Funktionieren eines Staatswesens, das sich mitten in einem Modernisierungs- und Industrialisierungsprozeß befindet, immens erschwert.