Von Heinz Josef Herbort

All seine Arbeiten für das musikalische Theater, schreibt der Komponist Hans Werner Henze 1962 in seinen "Essays", hätten eins gemeinsam: In allen Stücken handele es sich um die "Ausgesetztheit einer Einzelperson in eine ihr entgegengesetzte Umwelt", um ein "Nicht-Zustandekommen von Kommunikation; deshalb tragen sie alle einen melancholischen Schleier".

Da ist des Grieux in "Boulevard Solitude" (1952), der lyrische, willenlose, der schönen Manon Lescaut verfallene Studiosus, inmitten einer Welt des Lasters; da ist der König in "Re Cervo" (1956), der freiwillig, der Liebe folgend, abdankt und Tiergestalt annimmt, ihm gegenüber eine Welt der Brutalität und des Machtrausches; da ist die Titelfigur im "Prinz von Homburg" (1960), ein Träumer, verloren in einer Welt der Staatsräson und der Indolenz; da ist der Dichter in der "Elegie für junge Liebende" (1961), der seine Mitmenschen skrupellos für seine Zwecke ausbeutet; da ist Sir Edgar im "Jungen Lord" (1965), der reisende Engländer, der den provinziellen Spießbürgern mit ihren Minderwertigkeitskomplexen und ihrer snobistischen Attitüde einen Denkzettel verpaßt.

Da ist jetzt auch Pentheus, die Zentralfigur in Henzes neuester Oper "Die Bassariden die letzten Sonnabend bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde. Pentheus ist der junge, eben erst gekrönte König von Theben, ein Platoniker, ein erster Verfechter eines modernen Monotheismus, der sein Volk nach und nach läutern, vom schal gewordenen Polytheismus frei machen will; ein Dogmatiker allerdings, was den neu aufgekommenen Kult um seinen göttlichen Vetter Dionysos betrifft: Seine erste Amtshandlung ist ein striktes Verbot dieser massenhypnotischen Verehrung der Sinnesleidenschaft mit Androhung der Todesstrafe bei Nichtbeachtung des Verbots.

Oder ist etwa gar nicht Pentheus, sondern Dionysos selbst die zentrale Figur? Dies ist die erste einer Fülle von Antinomien, durch die Henzes neue Oper charakterisiert ist.

Das Libretto der "Bassariden" von William Hugh Auden und Chester Kallmann (die für Strawinsky "The Rake’s Progress" und für Henze bereits die "Elegie für junge Liebende" schrieben) greift auf die "Bakchen" des Euripides zurück: Dionysos, Sohn des Zeus und der thebanischen Königstochter Semele, rächt sich an Pentheus für das Kultverbot, indem er Pentheus’ Mutter Agaue und deren Schwester Autonoe der verbotenen Gemeinde, dem Kreis der Bassariden (Trägern der "bassara", eines Rehfells) zuführt. Als Pentheus das kultische Treiben auf dem Berge Kytheron beobachten will, wird er entdeckt und von den Bassariden getötet: Im Trancezustand reißt seine Mutter Agaue, die ihn für einen jungen Löwen hält, ihm den Kopf ab; das Erwachen ist schrecklich.

Die Fabel scheint einfach, doch täuscht dieser Eindruck. Das Libretto häuft eine unerhörte Fülle von heterogenen Details an, kompliziert die Dramaturgie aufs äußerste, wirkt hier verquollen, dort orgiastisch, hier ironisch, dort versnobt, hier nüchtern, dort pompös-feierlich, hier klassisch, dort modisch. Das Textbuch ist Pflichtlektüre für jeden Besucher, der Stammbaum der handelnden Personen notwendiges Requisit des Zuhörers, Euripides gelesen zu haben, reicht längst nicht aus.