Von Heinz-Günter Kemmer

Ein Gerücht kroch durch Deutschlands Börsensäle: Ein großer Konzern an der Ruhr sei in Zahlungsschwierigkeiten; sein Verwaltungsgebäude gehöre bereits der Hausbank. Von Dividendenausfällen, die zu erwarten seien, war in dem Gerücht die Rede und auch von Massenentlassungen. Wer es bis dahin nicht gemerkt hatte, dem mußte es nun klar werden: Die Krise an der Ruhr ist keineswegs auf den Kohlenbergbau beschränkt, sie hat nun auch die Stahlindustrie erfaßt.

Nun ist die Stahlindustrie allerdings selbst nicht unschuldig daran, wenn an der Börse hinter der Hand Informationen kolportiert werden, deren Wahrheitsgehalt nur in den Vorstandszimmern des Konzerns und seiner Hausbank gemessen werden kann. Wurden doch die Stahlherren in den letzten Monaten nicht müde darauf hinzuweisen, daß sie bei der gegenwärtigen Kosten- und Erlöslage mit roten Zahlen arbeiten müssen.

Aber nicht genug, daß die Erträge der Stahlindustrie immer magerer wurden, es gesellte sich eine allgemeine Liquiditätskrise hinzu, die nicht nur die Hüttenwerke traf. Wer die ersten Anzeichen dieser Krise ignorierte, konnte die Augen nicht länger verschließen, als die Farbenfabriken Bayer jüngst ein Schuldscheindarlehen mit einer Effektivverzinsung von fast 10 Prozent aufnahmen. Wenn ein Unternehmen, das in der Sprache der Banken als "erste Adresse" gilt, solche Konditionen bieten muß – wie sieht es dann erst bei den Gesellschaften aus, die schlechter verdienen.

Die Ruhr ist in dieser Situation besonders empfindlich. Sie kämpft um ihren Ruf als würdiger Kreditnehmer. So bemühten die Rheinischen Stahlwerke in Essen ein prominentes Düsseldorfer Anwaltsbüro, um den Düsseldorfer Börsenmakler Walter Beiler zu "verwarnen". Beiler hatte, wie er offen zugibt, Journalisten und anderen Börsenbesuchern seine Meinung über Rheinstahl kundgetan. Diese gipfelte darin – Beiler wiederholt es in einem Schreiben an den Rheinstahl-Vorstand –, daß er nicht an die Entscheidungsfreiheit der Verwaltung in der Dividendenfrage glaube. "Die Höhe der Ausschüttung für 1966", so Beiler in seinem Brief, "wird ausschließlich von der Bereitwilligkeit Ihres Bankenkonsortiums abhängen, Ihnen weitere Kredite für eine eventuelle Ausschüttung zu gewähren. Sollte aber das jetzt in Vorbereitung befindliche Konjunktursicherungsgesetz Mitte 1967 die Anwendung der Kreditplafondierung bringen, wird auch das wohlwollendste Bankenkonsortium nicht helfen können."

Nun, das ist starker Tobak. Aber wer selbst ständig – und durchaus zu Recht – über schlechte Erlöse und hohe Kosten lamentiert, muß sich eine derartige Interpretation durchaus gefallen lassen. Dabei geht es nicht um die Dividendenzahlung – das Geld dafür kann man sich in der Tat leihen – sondern um das Verdienen. Und damit sieht es in der Stahlindustrie trübe aus. So ist man im Hauptquartier der deutschen Eisenhütten in Düsseldorf zwar der Meinung,. daß alle Unternehmen ein paar Prozent Dividende zusammenkratzen werden, glaubt aber nicht, daß viele diese Dividende auch verdienen werden.

"Der Stahl ist von der Kohlenkrise voll infiziert", so sagt man in Düsseldorf: Und man ergänzt, daß unmittelbar an der Stahlindustrie hängende Wirtschaftszweige wie der Stahl- und Hüttenwerksbau auch schon die ersten Bazillen geschluckt haben. Auf die präzise Frage, wie lange die Stahlindustrie bei unveränderter Kosten- und Erlöslage noch durchhalten kann, gibt ein Mann aus dem Vorstand eines großen Montankonzerns präzis Antwort: "Von heute an in einem Jahr geht den Ersten die Luft aus." Wer seiner Meinung nach die Ersten sein werden, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Zur Liquiditätskrise heißt es: "Wir werden alle unsere Investitionen überprüfen und aufschiebbare Projekte aufschieben müssen, aber in akute Schwierigkeiten gerät nur der, der nicht beizeiten vorgesorgt hat."