Von Adolf Metzner

Tor oder nicht Tor" – das war schier die Schicksalsfrage des deutschen Volkes. Sogar ein Ordinarius der Rechtswissenschaften sandte eine Leserzuschrift des Inhaltes an "Bild", daß es moderner Rechtsauffassung widerspreche, den Tatsachenentscheid des Schiedsrichters Gottfried Dienst in Wembley einfach hinzunehmen, nachdem nachgewiesen sei, daß er falsch war. Der Professor übersah, daß es sich bei den sportlichen Regeln, die zum Teil schon über hundert Jahre alt sind, nicht um materielles Recht schlechthin, sondern um kodifizierte Vereinbarungen handelt, denen sich alle Beteiligten von vornherein unterwerfen. Diese Regeln entstammen ja oft noch der Lebenssphäre und Lebensauffassung des Gentleman.

Nach der Rechtsauslegung kann zum Beispiel jeder, der eine Ohrfeige erhält, ohne den Gegner provoziert zu haben, diese tätliche Beleidigung auf der Stelle erwidern. Das heißt, er kann dem Kontrahenten auch eine Ohrfeige verabreichen, ohne dafür bestraft zu werden. Beim Fußballspiel ist ein solcher Schlagaustausch aber in beiden Fällen eine Tätlichkeit, und beide Spieler werden vom Platz gestellt. Daher die Engelsgeduld von Uwe Seeler, als ihm der südamerikanische Rüpel den bewußten Backenstreich versetzte. Ein Gentleman schlägt eben nicht zurück – außer beim vereinbarten Zweikampf.

Hat nun, wie in Wembley, der Schiedsrichter auf Tor entschieden, so ist und bleibt es Tor, auch wenn sich nach dem Spiel einwandfrei herausstellt – und wie diesmal mit dem Film nachgewiesen werden kann –, daß sich der Schiedsrichter geirrt hat. Gegen diesen "Tatsachenentscheid" gibt es keinen Protest, ein solcher ist nur bei klaren Regelverstößen möglich.

Der Professor hat aber darin recht, daß in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo solche Fußballkämpfe zur Sache des nationalen und auch wirtschaftlichen Prestiges gemacht werden, diese noble l’art-pour-l’art-Auffassung nicht mehr zeitgemäß und deshalb unbefriedigend ist. Technische Hilfsmittel, so meint man, müßte es geben, um solche Fehlentscheidungen, wie wir sie beim dritten Tor in Wembley erlebten, unmöglich zu machen. Zusätzliche Torrichter wurden empfohlen; aber auch ihnen kann einmal durch den Torwart oder einen Feldspieler die Sicht versperrt sein.

Man könnte erhöht eine Spezialkamera, wie sie beim "Photofinish" benutzt wird, installieren – oder auch eine elektromagnetische Trefferanzeige einführen, wozu der Ball mit einer feinen Metallfolie imprägniert werden müßte. Kein Spieler dürfte dann allerdings Metall in irgendeiner Form mit sich führen.

Gegen ein solches technisches Instrumentarium besteht im Sport eine tiefe Abneigung. Man will das "Natürliche" und vielleicht auch das Humane nicht ausschalten und den Wettkampf nicht zum wissenschaftlichen Experiment erstarren lassen. Deswegen wird es weiterhin Aufregungen geben über gegebene, aber nicht geschossene Tore, über das "out" oder "in" beim Tennis und über die Fehlstarts beim Sprint.