Kotzing

Von den sieben Bezirken des Freistaates Bayern hat Niederbayern am ehesten Aussicht, als die Gegend zu gelten, wo sich die Füchse "gute Nacht" sagen. Daran sind weniger die Niederbayern selber schuld, als der Bayerische Wald, durch den die lange Grenze des weißblauen Staates zur Tschechoslowakei verläuft. Vom Handel abgeschnitten, von der Industrie verlassen und von Bonn geschröpft fühlen sich die Niederbayern allein gelassen mit ihren landschaftlichen Schönheiten.

In der Nordostecke Niederbayerns, angrenzend an die Oberpfalz, liegt der Landkreis Kötzting, 250 Kilometer von München entfernt. Von dort drang unlängst die Kunde ins Land, die Kötztinger hätten bei den Kommunalwahlen gemogelt und müßten noch einmal an die Urne. Die Meldungen stimmten insofern nicht, als nicht nur in Kötzting von Wahlschwindel die Rede war, sondern auch in drei anderen Gemeinden des Landkreises. Gleichviel: in Kötzting war es zur Wahlanfechtung gekommen, weil bei der Bürgermeisterwahl keine Einigkeit, darüber erzielt werden konnte, wieviel Stimmen auf jeden der drei Kandidaten entfielen. Während der amtierende Bürgermeister Kroher zwar mit Abstand, nicht aber mit der absoluten Mehrheit gewählt worden war, sah es um den zweiten Platz mißlich aus. Den Kandidaten der CSU, Meimer, und den der Freien Wählergemeinschaft, Graßl, trennte nur eine Stimme – und zwar zugunsten des CSU-Kandidaten. Also durfte sich Eduard Meimer noch einmal in der Stichwahl mit Hans Kroher messen. Dann war Kroher doch Bürgermeister von Kötzting.

Das war eigentlich keine Überraschung, denn an Kroher waren die Kötztinger schon lange gewöhnt. Bis 1933 wurden sie von dem Schuhmacher Schödlbauer regiert; dann setzten die neuen Herren den Benno Hois ein. Aber der blieb nur bis 1936. An seiner Stelle machten die neuen Herren einen Mann zum Bürgermeister, der ihrer Partei schon seit 1928 angehörte, den Kroher Hans. Der blieb nun wieder bis 1945. Dann kamen neue Herren, diesmal die Amerikaner. Die holten sich wieder den Schödlbauer. Aber der war schon alt, und als dann 1948 wieder alles nach Recht und Gesetz zuging, wählten sich die Kötztinger wieder ihren Hans Kroher. So blickt der Kötztinger Bürgermeister auf 28 Bürgermeister-Jahre zurück.

So sah es also in der Kötztinger Politik aus, bevor dort die Wahl angefochten wurde. Natürlich steckte der Graßl Franz dahinter, dem die eine Stimme fehlte. Er fand, die Wahlausschüsse seien nicht unparteiisch zusammengesetzt gewesen, der Bürgermeister habe die Zusammensetzung in einer Sitzung des Stadtrat-Volksfestausschusses ausgeknobelt. Bei den Auszählungen seien keine Zähl- und Gegenlisten geführt worden; die Stimmzettel hätten noch in der Nacht offen herumgelegen, und – das sei besonders schlimm – der CSU-Bundestagsabgeordnete Dittrich sei in den Wahllokalen herumgezogen und habe gesagt, es stehe stimmengleich zwischen ihm, Graßl, und Meimer von der CSU.

Diese Anfechtungsgründe waren indessen für Landrat Nemmer (CSU) keine stichhaltigen Gründe. Er hätte Graßls Ansinnen, die Wahl zu wiederholen, vielleicht abgewiesen, wenn nicht doch noch bekanntgeworden wäre, daß ein paar Leute mitgewählt hatten, die gar nicht wählen durften. Außerdem hatte sich herausgestellt, daß in einem Umschlag zwei Stimmzettel gesteckt hatten; und Amtmann Costa von der Stadtverwaltung hatte das Kommunalwahlgesetz aufgeschlagen und befunden, daß zwei gleichlautende Stimmen in einem Umschlag wie eine zu bewerten seien. Er hätte aber merken müssen, daß er sich dabei in den Paragraphen über die Briefwahl verirrt hatte. Da außerdem in Niederbayern Ehepaare üblicherweise gemeinsam wählen, hätten die beiden Stimmen auch bewertet werden müssen. Beide Stimmen lauteten auf Franz Graßl. Als sich dann bei späterem Zählen obendrein ergab, daß eine Stimme mehr im Topf war, als bei den abgegebenen Stimmen gezählt worden waren, griff der juristische Beamte beim Landratsamt, Dr. Karl, zum Telephon und rief die Polizei.

Auch wenn die Kötztinger nun noch einmal wählen müssen, wird der Spediteur Graßl noch lange nicht Bürgermeister. Er setzte nämlich aufs falsche Pferd, als er seine Freie Wählergemeinschaft zusammenbastelte. Um nicht von Haus zu Haus gehen zu müssen und Unterschriften für seine Liste sammeln, schloß er sich einem Manne an, dessen legendärer Ruf aus dem Bayerischen Wald weit ins Land gedrungen ist: an Ludwig Volkholz aus Voggendorf im Landkreis Kötzting. Der "Niederbayerische Bauern- und Mittelstandsbund, Wählergruppe Ludwig Volkholz" hatte bei den vorletzten Kreistagswahlen im Landkreis Kötzting die meisten Stimmen gewonnen; noch heute stellt er fünf Bürgermeister, vier Kreis- und mehrere Gemeinderäte. Volkholz, den das Flair des Volkshelden umgibt, könnte die Niederbayern erfolgreich zum Widerstand gegen die Christlich Soziale Staatspartei aufrufen. Doch er hat es nicht leicht: Verschiedene Prozesse wegen Beleidigung, Verleumdung und Verunglimpfung des Staates, dazu einer wegen Anstiftung zum Meineid, haben ihn ins Gefängnis gebracht. "Die da oben" haben ihm die Eidesfähigkeit auf Lebenszeit genommen (inzwischen hat er sie auf dem Gnadenwege wiederbekommen); ein Wahlgesetz – er nennt es die "lex Volkholz" – steht ihm im Wege, zum Bürgermeister oder zum Landrat zu kandidieren. "Die da oben" haben ihn überdies aus dem Staatsdienst expediert, so daß er nicht mehr Oberförster sein darf. Seine Anhänger aber halten um so treuer zu ihm. Und da er selber nicht mehr kandidieren darf, wählten sie seine Frau, die Paula Volkholz, zum Bürgermeister von Voggendorf.