Von René Drommert

Groß ist heutzutage auf künstlerischem Gebiet die Allergie gegen begriffliche und theoretische Orientierungen, mehr noch gegen Festlegungen. Das ist legitim im Lager der Künstler. Das Schöpferische ist dem Elementaren verwandt, es setzt sich durch ohne Rücksicht auf vorgefaßte rationale Ordnungen und Postulate – und zuweilen gegen sie.

Anders sollte es aber doch dort aussehen, wo man über Kunst reflektiert, sie beschreibt, analysiert, ihr einen Platz zuweist im individuellen Leben oder in der Gesellschaft. Und man möchte doch meinen, daß man nichts mehr von dieser Allergie findet, daß sie sich in eine Passion verwandelt, wo die Wissenschaft von der Kunst betrieben wird.

Der Zehnte Deutsche Kunsthistorikertag, der in der vorigen Woche in Münster stattfand, widmete die letzten Stunden seines Treffens mutig dem Thema "Kunstwissenschaft und Kunst der Gegenwart". Da, so durfte man doch nach der Ankündigung erwarten, mußte die Begriffsverwirrung überwunden sein, da mußten klare Aspekte vorherrschen.

Aber die Klärung fand nicht statt. Als der Zuhörer nach und nach im Geiste die Versatzstücke gelehrter Spiegelfechterei abtragen konnte, bot sich schließlich ein Bild der Ernüchterung und der Enttäuschung.

Am ergiebigsten für die Ermittlung des Dilemmas war der Vortrag von Max Imdahl (Bochum) über "Probleme der Optical Art" – und die darauf bezogene Diskussion. Imdahl vertrat den Standpunkt, daß Qualitätsbestimmung nicht Aufgabe der Wissenschaft sei. Zweifellos gibt es dafür sehr gute Gründe (Imdahl kennt sich in der Argumentation gut aus). Aber die Gefahr liegt auf der Hand: Wenn man den Gesichtspunkt der Qualität ausklammert, so kann man doch auch Objekte behandeln, die, im Sinne künstlerischer Leistung, ohne jede Qualität, die total minderwertig sind, die nicht Kunst, die Unkunst sind.

Und da denn auch bei der Diskussion der Frage ausdrücklich ausgewichen wurde, ob die im Lichtbild gezeigten Werke (zum Beispiel Victor Vasarelys) Kunst seien oder nicht (die Argumentation verlief programmatisch "außerhalb einer Wesensbestimmung der Kunst"), war also zweifelhaft, was an diesem Tage eigentlich der Gegenstand des Kongresses war. Dementsprechend hätte ja das Thema so formuliert werden können: "Kunstwissenschaft und Kunst oder Unkunst der Gegenwart". Wollte man keinen methodischen Ansatz finden, um zu einer Verbindlichkeitserklärung über den Gegenstand Kunst zu kommen, so war man sich vielleicht aber sonst sicher, sozusagen im internen Bereich der Wissenschaft – beim wissenschaftlichen Rüstzeug und bei der Ausgangsposition?