Italienisches Gesangstheater

Unser Kritiker sah:

SIMONE BOCCANEGRA

Oper von Giuseppe Verdi

Münchner Festspiele, Apothekenhof

Das Wagnis gelang. Die Münchner Festspiele sind um eine Attraktion reicher geworden: Im Apothekenhof der Residenz wurde Oper unter sommerlichem Nachthimmel gesungen. Noch einige Stunden vor Premierenbeginn schien die Aus weichvorstellung im vorbereiteten Nationaltheater stattfinden zu müssen. Diejenigen Damen, die im Vertrauen darauf ihre elegante Theaterrobe angezogen hatten, mochten die Wärmekraft ihrer Schau-Pelze skeptisch beurteilen, als sie dann doch bis halb ein Uhr nachts auf den Tribünenbänken im Freiluftraum des Residenzhofes verweilen durften.

Der Münchner Himmel beteiligte sich an der Einweisung des Opernpublikums in eine ungewohnte Spielstätte: Bis zur Pause blitzten über dem klassizistischen Architekturgeviert die Sterne, während der unsichtbare Mond dekorative Wolkengruppen zart beleuchtete. Den Pausenbeginn markierte eine kurze Regendusche. Als die Orchestermusiker ihre Instrumente ins Trockene gerettet hatten, setzte wie ein wohlstudiertes Crescendo Platzregen ein. So bemerkten auch die aufbrechenden Zuschauer, wo in schützenden Räumen für sie ein Pausenbüfett aufgebaut war. Als die Vorstellung fortgesetzt wurde, stand bis zum wolkenlosen Ende das Sternbild des Drachen über Simone Boccanegras Dogenglück und Gifttod.

Die Einbuße an künstlerischer Differenzierung, die man von Freiluftaufführungen hinnehmen muß, betraf hier nur das Orchester. Die Streicher der Münchner Philharmoniker klangen in der feuchten Nachtluft so stumpf, daß ein gerechtes Urteil über den Dirigenten Giuseppe Patane unmöglich ist. Wie jedoch die Holzbläser kristallene Tongirlanden durch den akustischen Wunderraum zogen, so klangen in ihm die menschlichen Stimmen reich schattiert. Das gilt auch für den Chor der Mailänder Scala. Was ihm von Ruberto Benaglio an stimmenklaren Pianissimi einstudiert worden war, das wirkte ebenso hinreißend wie die Dynamik dieses immer weich und rund bleibenden Chorklanges.

Italienisches Gesangstheater

Zwei der italienischen Solisten allein wären schon eine Reise nach München wert: Giuseppe Taddei in der Titelpartie mit unerschöpflichem Bariton, der auch in extremen Lagen dem Sänger als schlechthin vollkommenes Instrument dient (in Taddeis musikalischer Durchdringung der Partie wird dem Hörer bewußt, was "Stimmentheater" von Verdis Genie ist), und Antonietta Stella, eine denkbar ideale Amelia Grimaldi. Ihr schlackenloser, – erzmusikalisch phrasierender Sopran verbindet die italienische Leuchtkraft der Stimme mit einer Ausdruckstiefe der Empfindung, daß nur das selten erlebte Glück gesangsdramatischer Vollendung zu konstatieren bleibt. Auf dem Wege in diese Spitzenregion befindet sich der noch jugendliche, mit strahlender Höhe begabte, wohlgebildete Tenor von Gianfranco Cecchele (Gabriele Adorno); Spitzengarnitur auch der Bariton Renato Cesare (Paolo) und der Bassist Georgio Tozzi (Fiesco).

Der Regisseur Jean Pierre Ponnelle arrangierte das Spiel der italienischen Gäste gemäß jenen Opernbräuchen, die sie zu Hause gewohnt sind. Johannes Dreher entfaltete Kostümpomp und, dekorierte geschmackvoll Podium und Architekturfassade. Für einen beseligenden Abend Verdischen Gesangstheaters existierten die deutschen Stilprobleme des "Musiktheaters" nicht.

Johannes Jacobi