Von E. Heinrich Kunze

Wenn die gegenwärtigen Tendenzen in der Entwicklung des Außenhandels anhalten, dann könnte die Bundesrepublik in diesem Jahr einen Exportüberschuß von etwa fünf Milliarden Mark erzielen. Das würde jedoch noch nicht ausreichen, um das Defizit der Zahlungsbilanz zu decken, da von den Mahnungen des Bundeskanzlers an die Urlauber, nicht so viel Geld ins Ausland zu schaffen, um so weniger Wirkung zu erwarten ist, als der verregnete Sommer die Attraktivität der mit mehr Sonnenschein gesegneten Länder noch verstärkt. Auch die Überweisungen der ausländischen Arbeiter werden kräftig steigen. Eine reine Freude ist die Verbesserung unserer Handelsbilanz nicht, weder im Hinblick auf ihre Ursachen noch auf die Folgen, die sich in der gegenwärtigen Lage aus ihr ergeben könnten.

Im ersten Halbjahr 1966 hat der Außenhandel mit einem Überschuß von 2,22 Milliarden Mark abgeschlossen. Das ist fast das Doppelte des Exportüberschusses der vergangenen Jahre. Doch diese Verbesserung der Handelsbilanz ist mehr auf die verminderte Zunahme der Einfuhr als auf die Steigerung der Ausfuhr zurückzuführen. Diese war im vergangenen Jahr zwar auch um 10,5 Prozent gewachsen, aber die Importe hatten um 19,8 Prozent zugenommen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind sie weiterhin gestiegen, aber nur noch um 7,8 Prozent, während die Exporterlöse 11 Prozent höher waren als im ersten Halbjahr 1965.

Noch drastischer zeigt sich die völlig veränderte Situation bei einem Vergleich mit den Zuwachsraten des ersten Halbjahres 1965: damals waren die Importe um 22,9 Prozent gewachsen, die Exporte aber nur um 9,4 Prozent.

Eine Aufgliederung der Außenhandelsergebnisse nach Quartalen (siehe Tabelle) läßt das stetige Sinken der Zuwachsquoten der Einfuhr seit Beginn des Jahres 1965 erkennen. Die Entwicklung der Ausfuhr zeigt für 1965 beträchtliche Schwankungen, aber 1966 ist sie im ersten Quartal um 9,1 Prozent und dann im zweiten Quartal um 12,8 Prozent gewachsen. Manches spricht dafür, daß sich diese Entwicklung in sogar beschleunigtem Tempo fortsetzt.

Bemerkenswert sind die Veränderungen im Bereich der Fertigwaren, der bedeutendsten Gruppe des Außenhandels. Im ersten Halbjahr 1965 waren für 14,8 Milliarden Mark Fertigwaren importiert worden, und das bedeutete eine Steigerung um nicht weniger als 38 Prozent. 1966 stieg zwar der Einfuhrwert auf 16 Milliarden Mark, aber das Tempo des Zuwachses ging auf 8,2 Prozent zurück. Die Ausfuhr industrieller Fertigprodukte hatte im ersten Halbjahr 1965 29,4 Milliarden Mark betragen, die Wachstumsquote war dabei 10 Prozent. Im ersten Halbjahr 1966 stieg diese nun auf 11 Prozent, der Exportwert, auf 32,6 Milliarden Mark.

Besonders der Maschinenbau konnte verlorenes Terrain aufholen. Mit 8,2 Milliarden Mark erlöste er im Ausland 1 Milliarde Mark mehr als im ersten Halbjahr 1965. Die Zuwachsquote des Exports lag mit fast 14 Prozent erheblich über dem Durchschnitt. Noch mehr trifft das für den Export von Schiffen zu: hier ergab sich eine Steigerung von 50 Prozent, die allerdings durch einige größere Ablieferungen bedingt ist. Auch der Export elektrotechnischer Erzeugnisse konnte um 11,6 Prozent auf 3,4 Milliarden Mark erhöht werden, während die Kraftfahrzeugindustrie mit Ausfuhrerlösen von 5,4 Milliarden Mark nur den stark unter dem Durchschnitt liegenden Zuwachs von 5,9 Prozent verbuchen konnte.