Einen Autor mit Kerkervergangenheit zu finden, ist nicht so schwer. Selbst wenn man erst mit Casanova beginnt, ist die Liste der Abenteurer und Märtyrer, der Ankläger von Justiz und Gesellschaft stattlich und reich an literarischen Klassikern. Wer eine Dame mit ähnlicher Lebenserfahrung zu bieten hat, übertrumpft diese Reihe freilich mit einem einzigen Klappentextzungenschlag. Und wenn diese Dame Französin ist, wird selbst der phantasieärmste Leser neugierig. Nun, in

Albertine Sarrazin: "Der Astragal", aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner; Kurt Desch Verlag, München; 232 Seiten, 16,80 DM

kommt er in manchem auf seine Kosten. In diesem Leihbibliotheksroman für Herren geschieht einem jungen Mädchen mit unklarer Schuld (irgend etwas zwischen Strich und Abtreibung), was man erwarten kann: Es flieht aus der Strafanstalt, bricht sich beim Sprung über die Mauer den Knöchel, wird von einem jungen Mann mit ebenfalls unklarer Schuld, aber größerer praktischer Erfahrung im Untertauchen und Fliehen aufgelesen und mitgenommen. Er flirtet und schläft zwar bei seinen raren Stippvisiten mit ihr, aber seine Familie will sie aus Angst vor der Polizei wieder los sein. Er läßt ihr zuerst einmal den Fuß operieren, dann wandert sie wieder brav auf den Strich, stiehlt einem Kunden ein kleines Vermögen, um eine Kaution für den Geliebten zu haben, der wieder sitzt, wohnt zwar bei einem Arbeiter, beginnt aber den Retter richtig zu lieben, sticht seine bürgerlich anständige und deshalb von der Familie bevorzugte Freundin aus und wird zwei Schritt vorm Happy-End wieder geschnappt.

Doch "keine Angst", schließt das Buch, "auf den strahlenden Gipfel werden wir uns wiedersehen!".

Daß es sich dabei um die strahlenden Gipfel jener Gebirge handelt, die seit Ganghofer und der Marlitt nicht dünner besiedelt sind, merkt der Leser nicht erst auf dieser letzten Seite. Zeigt doch die Heldin, die ihre Geschichte im immer so schön atemlos klingenden Präsens erzählt, jene naive und bei allen Abenteuern unschuldige Sehnsucht nach der großen wahren reinen Liebe, die alle ähnlichen Heldinnen seit eh und je sympathisch gemacht hat. Sie sind verrucht überpudert, aber unter der Foundation Cream solide kleinbürgerlich. Listig statt böse, auch in der Sprache vage mit ein paar Ganovenausdrücken protzern, ohne kriminelle oder erotische Situationen präzise zu nennen oder zu beschreiben.

Daß dieses Mädchen einem Gefängnis entsprang, hat nichts mit ihrem Charakter, nichts mit ihrem Problem zu tun. Sie sagt nichts zu Strafvollzug, Gerechtigkeit oder Sühne. Sie entfleucht der Anstalt, wie ihre Schwester in Apoll vor hundert Jahren am Rosenspalier herab dem gestrengen Elternhaus entfloh. Ihr Ziel ist Freiheit im simplen Sinn der Freiheit von Erwachsenenbevormundung, und als Inhalt der Freiheit präsentiert sich ohne viel Umwege und Umschweife der geliebte Mann.

Sybil Gräfin Schönfeldt