Die neue Frostperiode, die in der DDR ausgebrochen ist, bekommt, wie schon so oft, die Kirche am empfindlichsten zu spüren. Nach Ansicht der SED trägt allein Bonn die Schuld an dieser Klimaverschlechterung, genauer: das für den Redneraustausch verabschiedete Gesetz über das "freie Geleit". Mit der schroffen Ablehnung dieser Bestimmung, die offiziell als "Schandgesetz" und "Handschellengesetz" bezeichnet wurde, gab Ostberlin nicht nur das Signal zu einer neuen Hetzkampagne gegen die "kriegstreibende" Bundesrepublik; es wurde auch das Stillhalte-Abkommen zwischen Staat und Kirche in Frage gestellt.

Hielt sich die Polemik gegen die Wahl des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Scharf, zum Bischof von Berlin-Brandenburg noch in Grenzen, so sprechen die jüngsten Maßnahmen eine andere, härtere Sprache: Die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes, die 1969 in Weimar stattfinden sollte, wurde kurzfristig abgesagt. In der Parteipresse häuften sich die Angriffe gegen die Stellungnahme der Bischöfe zur Kriegsdienstverweigerung, die nun als "Schmähschrift gegen die Nationale Volksarmee" angeprangert wurde. Zu seinem 65. Geburtstag wurde Bischof Krummacher als "Abweichler" hingestellt. Dem Ostberliner Amtsblatt der EKD wurde vorläufig die Lizenz entzogen. Und in der vergangenen Woche wurde der Kirche mitgeteilt, die Leipziger Messehallen stünden für ihre Reformationsfeiern 1967 nicht zur Verfügung. Solche Nadelstiche deuten auf eine Umorientierung der Kirchenpolitik in der DDR hin. Zumal jene westdeutschen Kirchenführer, die gehofft hatten, Ulbricht würde sich der EKD für seine gesamtdeutschen Ambitionen bedienen, sehen sich bitter enttäuscht,

Es ist erst zwei Jahre her, daß der SED-Chef die Kampagne gegen die Kirche stoppte und eine Periode des Tauwetters einleitete. Im August 1964 traf er sich mit dem thüringischen Landesbischof Mitzenheim zu einem Dialog auf der Wartburg, Das war damals ein Vorgang, der hüben wie drüben großes Aufsehen erregte. Ulbricht folgte damit seiner Marschparole, nach der für den Aufbau des Sozialismus die "politisch-moralische Einheit des Volkes" notwendig sei. Die Kirche sollte nicht länger verketzert werden. Eine gleichsam kameradschaftliche Zusammenarbeit zwischen Christen und Atheisten wurde angestrebt. Auch für die kirchentreuen Protestanten sollte Ulbrichts DDR ein Vaterland" sein.

Die Folge dieses "Friedensschlusses" war, daß die Pfarrer nicht mehr wegen "subversiver" Tätigkeit ins Gefängnis geworfen wurden, die örtlichen Parteifunktionäre sich mit ihrer atheistischen Beeinflussung zurückhielten, Bibelrüstzeiten nicht länger behindert wurden, die Teilnahme an der Jugendweihe nicht mehr als Zulassungsbedingung für die Oberschule galt.

Selbst die Koexistenzthese des höchsten Kirchenrepräsentanten, Bischof Krummacher ("Sozialistisch arbeiten – ja. Sozialistisch leben – nein"), wurde stillschweigend hingenommen. Höhepunkt dieser Tolerierungsphase war die Einführung des "Friedensdienstes". Ostberlin legalisierte 1964 die Kriegsdienstverweigerung ohne Prüfungsverfahren aus religiösen Gründen. Kein anderer Ostblockstaat hat der Kirche bisher diese Konzession eingeräumt. In der DDR gehörte der Kirchenkampf der Vergangenheit an.

Trotz aller Frosteinbrüche in den Bereich der Kirche wird es Ulbricht nicht zum Äußersten kommen lassen. Die DDR als "Vaterland aller Deutschen", als "Friedensstaat", kann sich eine militante Auseinandersetzung mit seinen Christen nicht mehr leisten. Ulbrichts Politik wäre sonst unglaubwürdig, sein Motto für die staatlichen Feiern zur 450. Wiederkehr des Wittenberger Thesenanschlags: "Luther dem ganzen Volk", bliebe eine hohle Phrase. D. St.