Von Alex Natan

Cassius Clay, der am 10. September in Frankfurt gegen Karl Mildenberger boxen wird, gewann in England seinen zweiten Kampf, diesmal gegen Brian London durch K. o. in der dritten Runde. Der ganze englische Berufsboxsport scheint aber ähnlich wie der deutsche von einem Wohlstands-Schrumpfungsprozeß ernstlich bedroht zu sein,

In jener Woche, in der der National Sporting Club, der einflußreiche Kindergarten des englischen Boxsports, seinen 75. Geburtstag feierte, wurde gleichzeitig bekannt, daß es heute weniger als 500 Boxer gibt, die eine amtliche Lizenz besitzen, wie sie in Großbritannien vorgeschrieben ist. Unter diesen 500 sind es zudem weniger als 350 Boxer, die heute noch aktiv im Ring tätig sind. Vor einer Generation betrug die gleiche Ziffer fast 3000 Boxer. Der National Sporting Club, dessen Mitgliedschaft vor dem Kriege in gesellschaftlichen Kreisen sehr gesucht war, feierte sein Jubiläum mit einem Essen, zu dem die noch lebenden Größen des englischen Boxsports geladen waren: Tommy Farr und Bombardier Billy Wells, Jack Petersen und Terry Downes. Selbstverständlich war Georges Carpentier ein besonders beliebter Gast.

Als Tommy Farr auf der Höhe seiner Laufbahn war, und dies ist heute fast 30 Jahre her, wurden in England jährlich 450 Boxveranstaltungen abgewickelt. Heute finden bestimmt nicht mehr als ein Drittel davon statt, so daß der Mangel an Berufsboxern heute so groß geworden ist, daß viele Veranstalter die größte Mühe haben, acht Boxer für vier Kämpfe verpflichten zu können. Wie dies gegenwärtig in England üblich ist, sind die Veranstalter nur allzu gern bereit, den Wohlfahrtsstaat für das Absinken des sportlichen Interesses am Boxen zu beschuldigen. So erklärte der Generalsekretär des Clubs mit erheiternder Funktionärsweisheit: "Früher hieß es, daß die besten Boxer unter den hungrigen Boxern zu finden wären. Heute scheint es so, daß sie zumeist nicht hungrig genug sind, um daran zu denken, Profis zu werden". Die soziale Logik ist nicht nur bezeichnend für eine gewisse Sportmentalität, sondern öffnet einmal auch richtig die Augen, warum sich die Stimmen in England so gemehrt haben, die ein Verbot des Berufsboxens wollen.

Vor 30 Jahren lagen die Verhältnisse wahrhaftig anders. Boxen stellte einen Sport vor, der Geld und Zutritt zur Kaffeehaus-Gesellschaft verhieß. Die Alternative hieß eben Arbeitslosenunterstützung beziehen. Ein junger Mensch hatte camals gar nichts zu verlieren, wenn er ins Lager der Berufsboxer übertrat. Heute herrscht in England volle Beschäftigung. Warum sollte sich ein jünger Mensch die Nase krumm und die Ohren schief und das Hirn anschlagen lassen, wenn der männliche Verteidigungssport" längst zum "vieux jeu" sportlicher Arterioskleroten am grüben Tisch geworden ist?

Der National Sporting Club ist einer von drei Vereinen, der sich darum bemüht, das Boxen am Leben zu erhalten. Er wurde vor 75 Jahren gegründet und veranstaltet noch immer 27 Abende im Jahr für seine Mitglieder, die einen Beitrag von 300 Mark pro anno zu zahlen haben. Es ist noch immer ein sehr exklusiver Verein, der von seinen Mitgliedern das Tragen eines Smokings bei sportlichen Abendveranstaltungen erwartet – vielleicht deswegen –, eine Warteliste besitzt, die fast so lang ist wie die Zahl der eingetragenen Mitglieder. Der Vorsitzende des Clubs, ein Gentleman mit militärischem Hintergrund, ist mit der heutigen Zeit gleichfalls sehr unzufrieden. "Boxveranstalter, die 80 Mark für ihre jährliche Lizenz zahlen müssen, verlassen sich auf ihre Anteilquote an einer Box Übertragung durch das Fernsehen, um sich am Leben zu halten ... Wir brauchen größere und stärkere Konkurrenz und besseres Talent". Deswegen hat dieser Club vor einigen Jahren eine Trophäe für den besten unter vielversprechenden Boxern gestiftet. Es scheint indessen, daß selbst die Tage für diesen Preis gezählt sind.

Es gibt noch immer ein ganz bestimmtes Publikum für das Boxen. Nur kommt es nicht aus sportlichem Interesse zu einem Kampf. Zwei andere Organisationen haben ausverkaufte Boxabende im Hilton und Grosvenor Hotel abhalten können. Ihre Mitglieder müssen 600 Mark Mitgliedsbeitrag zahlen. Als Mr. Solomons, der einmal der ungekrönte König der Sportveranstalter in England war, im Januar seinen Club eröffnete, dinierten 1500 Gäste um den Ring herum, um sich zwischen den Gängen am Gemetzel junger Glieder zu erfrischen. Sueton hat dies alles besser geschildert und Juvenal elegantere Epigramme geschrieben, als ich es könnte, um diesen Zeitvertreib Londoner "Gesellschaft" zu beschreiben.

Wenn also Geld für Sportführer und Funktionäre keine Rolle spielen sollte, so liegen die Dinge für die Boxer ganz anders. Ein englischer Profi verdient vielleicht 175 Mark die Woche. Welcher junge Mensch drängt sich nun danach, seinen Bizeps bei Kaviar und Sekt spielen zu lassen, wenn er leichter einen Wochenlohn von 230 Mark verdienen kann? Natürlich steigt das Einkommen, je dünner die Höhenluft des aufsteigenden Boxers wird. Ein Amateurmeister darf wenigstens 11 500 Mark erwarten, wenn er zu den Berufsboxern übertritt. Die Börsen im National Sporting Club rangieren von 290 Mark pro Kampf für einen Anfänger bis zu 60 000 Mark.