"Kunst am Bau in Leverkusen" (Leverkusen, Städtisches Museum Schloß Morsbroich): Kulturreferenten, Baudirektoren, Kunstkommissionen, die für "Kunst am Bau" zuständig sind, sollten, wenn sie schon nicht nach Leverkusen reisen, wenigstens den Ausstellungskatalog anfordern und die "Methode Leverkusen" gründlich studieren. Mir ist keine zweite Stadt in Deutschland bekannt, wo die vieldiskutierte "Zwei-Prozent-Klausel" so liberal, so vernünftig und mit so überzeugenden künstlerischen Resultaten praktiziert wird.

Andernorts dient die Klausel primär dazu, einheimische Künstler, speziell solche, die sonst nicht zum Zuge kommen, zu versorgen. In Leverkusen kommen lokale und regionale Rücksichten nicht in Betracht. Der Hinweis, daß in dieser von Traditionen unbelasteten Industriegroßstadt wahrscheinlich keine ortsansäßige Künstlerschaft existiert, verfängt nicht: Nach dem üblichen Schema wäre man dann auf die Nachbarstädte Köln und Düsseldorf oder jedenfalls auf das Land Nordrhein-Westfalen ausgewichen. Aber in Leverkusen ist man so frei, sich außerhalb der Landes- und sogar der nationalen Grenzen nach geeigneten Männern umzusehen.

Heinz Mack, als Zerokünstler international geschätzt, wohnhaft zufällig in Düsseldorf, hat die Fassade einer Gemeinschaftsschule gestaltet. Vor dem städtischen Krankenhaus steht eine Figur von Karl Hartung (Berlin). Von Hans Uhlmann (ebenfalls Berlin) stammt das Widerstandsdenkmal Alkenrath. Vor den Schulen sieht man Skulpturen von Erich Hauser, der im Schwarzwald lebt, Bernhard Luginbühl, dem bekanntesten unter den jüngeren Schweizer Bildhauern, und Arnold d’Altri, ebenfalls Schweizer. Alicia Penalba ist in Buenos Aires geboren, Vojin Bakic ist Jugoslawe, Getulio Alviani Italiener.

Die annähernd zwanzig Skulpturen, Reliefs, Wandbilder, Glasfenster (von Meistermann im Mädchengymnasium) sollen nach der Methode Leverkusen eine sowohl ästhetische wie soziologische Funktion im Organismus der Stadt erfüllen. Ohne auf die damit zusammenhängenden Probleme einer Integration von Kunstwerk, Architektur und Stadtbild einzugehen, kann man so viel sagen, daß Leverkusen die Kunstwerke nicht in Ateliers oder in Ausstellungen zusammenkauft, vielmehr werden die Künstler nach Leverkusen eingeladen, um sich, bevor sie an die Arbeit gehen, über das Projekt und das Ambiente informieren zu können. Was die Kostenfrage angeht, mit der die Verfechter einer lokalen Auftragsvergabe so gern argumentieren: die Leverkusener Objekte liegen im Schnitt zwischen 10 000 und 50 000 Mark, und das entspricht dem bundesdeutschen Standard. Im Schloß Morsbroich sind bis zum 28. August hundert Arbeiten der Künstler ausgestellt, die bisher von der Stadt Aufträge erhalten haben. Das ist sehenswert, speziell für die Bürger von Leverkusen, die sich hier über die Künstler orientieren können, deren Werke sie ständig vor Augen haben und mit denen sie, wie in anderen Städten, nicht restlos einverstanden sind.

  • "Josef Hegenbarth" (Stuttgart, Württembergischer Kunstverein): 392 Zeichnungen, die bisher größte Hegenbarth-Retrospektive in Westdeutschland. Die Blätter kommen aus westdeutschen Sammlungen, der sehr umfangreiche Nachlaß liegt noch unveröffentlicht in Dresden. Das Material ist nach Motiven geordnet: Köpfe – Figuren – Szenen – Zoobilder – Zirkusbilder – Tiere – Illustrationen, das meiste ist nach 1945 entstanden.

Hegenbarth ist in Dresden geblieben, er war einer der wenigen, die im Osten und im Westen gleichermaßen respektiert wurden. Mit keinem Strich hat er das Regime verherrlicht oder angeklagt, er hätte, wenn er in München gelebt hätte, nicht anders gearbeitet, weil er als Zeichner auf Distanz hielt, weil ihn die Umwelt lediglich als graphisches Phänomen interessierte.

Die akzentuierende Schwärze, die er virtuos gegen die geschmeidige Umrißlinie ausspielt, hat rein formale Funktion, keine dämonische wie bei seinem Landsmann Kubin, keine humane wie bei der Kollwitz. Auch als Illustrator bewahrt er diese unvoreingenommene Kühle, bleibt er ein Virtuose, der die komischen oder tragischen, die höchst profanen oder sakralen Ereignisse nach ausschließlich graphischen Gesichtspunkten in Szene setzt. – Die Ausstellung dauert bis zum 28. August. Gottfried Sello