Säuberung als Krankheitssymptom

Von Hans Gresmann

Das Schlagwort von der gelben Gefahr, geprägt noch vor der Jahrhundertwende, es ist auch heute wieder im Schwange. Damals richtete es sich auch gegen die Japaner. Jetzt bezieht es sich nur noch auf das Reich der Mitte, welches – geheimnisvoll wie eh, aber um so bedrohlicher, weil es zu einem totalitär regierten kommunistischen Staat geworden ist – den Frieden dieser Welt zu unterminieren scheint.

Wenn in unseren Tagen von der gelben Gefahr unter der roten Fahne die Rede ist, dann werden sogleich recht bedrohliche Tatsachen aufgetischt: 700 Millionen Menschen, etwa ein Viertel der Bevölkerung unserer Erde, eine Armee von 2,7 Millionen Soldaten sowie eine zahlenmäßig noch weit größere Miliz – sollte es einer rücksichtslosen und zielbewußten Führung da nicht möglich sein, sich der Herrschaft über Asien oder gar der Weltherrschaft zu bemächtigen?

Die Fakten lassen sich nicht leugnen. Aber hält die düstere Vision einer nüchternen Überprüfung stand? Ist China, dessen Propaganda noch immer furchterregende Selbstsicherheit in alle Himmelsrichtungen ausstrahlt, wirklich so stark? Ist es im Inneren so gefestigt, wie es zu sein vorgibt?

Säuberungen, das zeigen die Erfahrungen dieses Jahrhunderts, sind ein Zeichen der Unsicherheit und Verwirrung. Mao Tse-tungs Regime, das vor nun fast zwei Jahrzehnten anhob, auf; dem volkreichsten Land Asiens einen modernen, einen mächtigen Staat zu machen, sucht seine Zuflucht in Säuberungsaktionen, die eine Personengruppe nach der anderen ergreifen. Gegenwärtig hat Mao die Armee im Visier. Ganz eindeutig wurde ein Machtkampf zwischen Partei und Armee ausgetragen, bei dem es – auf eine Formel gebracht – darum ging, ob die chinesischen Streitkräfte ein wirkungsvolles militärisches Instrument oder ob sie gleichsam eine kommunistische "Schule der Nationen" sein sollen.

"Gesäubert" wurde die Armee bisher von ihrem Generalstabschef Lo Jui-tsching sowie von einer Reihe hoher Offiziere in Schlüsselstellungen des Generalstabs und der Truppenführung. Lo war – Ironie kommunistischen Schicksals – im Jahre 1959 auf seinen Posten gelangt, als es, nach der Säuberung von "nur" militärisch denkenden Militärs, darum ging, den Streitkräften wieder ein ideologisches Rückgrat zu geben. Verläßlicher als dieser Mann konnte keiner erscheinen: er war Veteran des legendären "langen Marsches", erfahrener Polizeiminister und einstiger Chef des Sicherheitsdienstes. Wenn er trotzdem scheiterte, so scheiterte er an dem inneren Widerspruch, der die Herrschaft des roten Mandarins Mao Tse-tung prägt. Dieser Widerspruch wird an der Armee besonders deutlich.