Zunächst muß festgestellt werden, daß heute kein Staat irgend jemanden zwingt, Christ zu sein. Einen Gewissenszwang gibt es nur im umgekehrten Sinne: den Zwang totalitärer Regime, kein Christ zu sein, zum mindesten die christliche Überzeugung zu verbergen. Wenn bei uns aus Länderverfassungen und Gesetzen gefolgert wird, daß der Lehrer an Bekenntnisschulen wie an christlichen Gemeinschaftsschulen Christ sein müsse, so hat das mit Gewissenszwang nichts zu tun; es handelt sich vielmehr um eine fundamentale Frage der spezifischen Eignung für ein bestimmtes Arbeitsgebiet. Die christliche Bekenntnisschule fordert von ihrem Wesen – nicht von irgendeiner Machtposition – her, daß der Lehrer dem Bekenntnis der Kinder angehört und im Geiste des Bekenntnisses erzieht.

Wenn nun ein Lehrer aus Gewissensbedenken dem nicht entsprechen kann, so zwingt ihn niemand, an die Bekenntnisschule zu gehen oder an ihr zu bleiben. Schließlich gehört es zur inneren Sauberkeit, den Anforderungen des Berufes zu genügen oder sich ein anderes Arbeitsgebiet zu suchen. Nach dem Artikel aber müßte man meinen, jeder Lehrer habe das Recht, seine subjektive weltanschauliche Auffassung in der Schule zur Auswirkung zu bringen, ja seine Gewissensnöte im Unterricht abzureagieren. Dann müßte man in Bekenntnisschulen selbst dem propagandawütigsten Atheisten freie Bahn geben.

Wetterlings Artikel beanstandet das Recht des Staates, die Schulart festzulegen. Wenn dies aber in Länderverfassungen und Gesetzen geschieht, so handelt es sich nicht um primäre Entscheidungen des Staates, sondern um sekundäre Erscheinungen: Das positive Recht sichert die Freiheit des Elternrechtes, das auf dem natürlichen Recht beruht. Auch der Artikel erkennt ja an, daß das Erziehungsrecht des Lehrers delegiertes Elternrecht ist. Der Lehrer als Beamter aber hat so wenig das Recht, die innere Gestaltung der Schule abzuändern, wie der Eisenbahnbeamte den Fahrplan.

Die Aufgabe des Lehrers ist niemals wertneutral. Der Lehrer ist kein, "Bildungsarbeiter", der in bestimmter Arbeitszeit dem zugeteilten Schülerkreis ein vorgeschriebenes Wissen zu vermitteln hat. Zwar muß man heute angesichts so mancher Diskussionen fürchten, daß wir auf solch grauenhafte Intellektualisierung der Schule zusteuern, aber der Artikel hebt gerade die menschlichen Bezüge des Lehrer-Schüler-Verhältnisses hervor und sieht die Bildungsaufgabe der Schule größer als Wissensvermittlung allein.

Doch zeigt sich hier ein merkwürdiger innerer Widerspruch. Er verteidigt die menschliche Freiheit des Lehrers; wer aber sichert die Freiheit des Schülers und sein Recht auf die Erziehung, die ihm durch die Schulart versprochen wird? Die seine Eltern für ihn gewählt haben? Wenn das Recht des Schülers auf die christliche Erziehung und damit auf Gewissensfreiheit mit dem Recht des Lehrers kollidieren sollte, dann hat das Recht des Kindes den Vorrang, denn die Schule ist für die Schüler, nicht für die Lehrer geschaffen.

Um dieser Alternative entgehen zu können, greift der Verfasser die christliche Schule selber an. Obgleich das Wesen der Bekenntnisschule in guten Zitaten dargelegt ist, wird der Schluß gezogen: "Statt Heranwachsende in die Freiheit eines Christentums zu rufen, werden sie in das Joch von Satzungen getrieben, in das Gehege jener religiösen und sittlichen Grundsätze, die von Menschen aufgestellt und für verbindlich erklärt wurden. Damit wird das Evangelium zur Tyrannis des Gesetzes verfälscht." Ist sich der Verfasser dieses ungeheuerlichen Urteils voll bewußt? Wir zweifeln daran oder an seiner Kenntnis der Wirklichkeit. Der beschränkte Raum verbietet leider eine Auseinandersetzung selbst in kurzen Grundzügen.

Der Verfasser bestreitet, daß hinter der heutigen Schule noch der christliche Elternwille steht, und fragt: Soll der Lehrer "verwirklichen, was die Gemeinde nicht mehr bezeugt"? Wenn zugleich eine Aussage angeführt wird, daß von hundert evangelischen Christen "heute etwa neunzig dem Leben der Kirche fern" bleiben, so erscheint ein solch globales Urteil an sich fragwürdig, letztlich aber sagt es noch nichts über den Schulwillen und eine etwaige Gegnerschaft zur christlichen Schule aus. Es darf doch nicht übersehen werden, daß der Wille zur nichtchristlichen Erziehung der Kinder allen Eltern offensteht, und in allen Bundesländern bieten sich ihnen demokratische Mittel an, Bekenntnisschulen aufzuheben und die Einrichtung nichtchristlicher Schulen zu verlangen, während sie durchaus nicht überall die Möglichkeit haben, eine Bekenntnisschule zu beantragen. Wenn also jemand vom Staatszwang im Gewissen betroffen ist, so sind es die Eltern, nicht die Lehrer.