Von Peter Grubbe

Zum zweitenmal in diesem Jahr hat Nigeria einen Militärputsch erlebt. Zum zweitenmal in diesem Jahr ist in dem ehemaligen demokratischen Musterland des schwarzen Kontinents die Regierung gewaltsam gestürzt worden. Ursache des neuen Umsturzes sind – genau wie bei dem Putsch im Januar – Stammesgegensätze. Und es drängt sich immer stärker die Frage auf, ob der volkreichste afrikanische Staat seine staatliche Einheit bewahren kann, oder ob er an seinen Stammesgegensätzen zerbricht.

Jakubu Gowon, der derzeitige "Regierungschef" Nigerias, ist 31 Jahre alt, von Beruf Offizier. Er ist Oberstleutnant in der nigerianischen Armee und wurde in der berühmten britischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet. Sein Vorgänger, der vor wenigen Tagen gestürzte General Ironsi, war 42 Jahre alt, auch er war Offizier von Beruf und ebenfalls in Sandhurst ausgebildet worden. Aber Ironsi war ein Ibo und stammte aus der Ostregion des Landes. Gowon ist ein Haussa und stammt aus dem Norden. Und eben dies ist entscheidend.

Nigeria zerfällt politisch in drei große Gebiete: den Norden, der von den Haussa und Fulani bevölkert wird, den Westen, wo die Yoruba, und den Osten, wo die Ibo wohnen. Bis zum 15. Januar 1966 wurde Nigeria politisch weitgehend vom Norden regiert, der zwar wirtschaftlich und bildungsmäßig am rückständigsten, dafür aber am volkreichsten ist. Er stellte auf Bundesebene den Regierungschef und bestimmte die Politik.

Der Militärputsch vom 15. Januar hatte die politische Übermacht des Nordens beseitigt. Der aus dem Norden stammende Regierungschef des Landes war ermordet worden. Eine erhebliche Anzahl führender Politiker und Offiziere aus dem Norden waren entweder ebenfalls getötet oder eingesperrt worden. Und ein Ibo hatte die Macht übernommen.

Zu jedermanns Überraschung löste der blutige Putsch vom 15. Januar damals keinen Gegenaufstand des Nordens aus. Die Haussa und Fulani blieben, vielleicht weil sie ihre Führer verloren hatten, zunächst ruhig. Und General Ironsi, dem die Popularität der aus allen Stämmen gleichmäßig zusammengesetzten Armee zustatten kam, ging mit jugendlichem Schwung und Elan daran, die korrupte Verwaltung des Landes zu säubern. Er machte nur einen Fehler: Er wählte sich als Berater fast ausschließlich Ibos, also Angehörige seines eigenen Stammes. Und nach einigen Monaten hörte man, vor allem im Norden Nigerias, immer häufiger die mißtrauische Frage, ob die neue Militärregierung des Landes nicht in Wahrheit nur ein Stammes-Regime, nämlich die Herrschaft der Ibos sei.

Am 24. Mai 1966 schaufelte sich General Ironsi dann sein eigenes Grab. Er erließ nämlich ein Dekret, das den Föderalismus in Nigeria abschaffte und statt dessen einen zentral regierten Einheitsstaat proklamierte. Er hatte dabei vermutlich die besten Absichten. Auf diese Weise sollte der politische Einfluß der Stämme beschnitten und das unterentwickelte nigerianische Nationalbewußtsein gestärkt werden. Aber der mißtrauische Norden sah darin nur einen kalten Staatsstreich, den Versuch der Ibo, die Staatsführung und Staatsverwaltung endgültig an sich zu reißen. Sie reagierten darauf zunächst mit Unruhen im Norden, bei denen rund tausend dort ansässige Ibos umgebracht wurden, und anschließend, Ende Juli, mit dem Putsch des Oberstleutnants Gowon.