Von Marianne Kesting

Wie es aussieht, wenn eine von Samuel Becketts Figuren Tagebuch führt, wissen wir aus seinen Romanen. Aber hier bewegen sich Figur wie Schriftstellern auf einer parabolischen Ebene. Wie es sich auf der realistischen ausnimmt, erfahren wir aus

Paul Léautaud: "Literarisches Tagebuch 1893 –1956", eine Auswahl, herausgegeben von Hanns Grössel; Rowohlt Verlag, Reinbek; 248 S., 12,80 DM.

Man hat Léautaud als "literarischen Clochard" bezeichnet. Aber das ist ungenau. Er besaß ein Häuschen, und er ging jeden Tag ins Büro; er führte keineswegs eine Landstreicherexistenz, sondern eher die eines Beckettschen Krapp. An die Stelle der Tonband-Monologe tritt der Tagebuch-Monolog, den er, ganz zu Unrecht, als "literarisch" bezeichnete.

Neunzehn Bände hat er hinterlassen, und was sie an Literarischem enthalten, scheint sich auf gelegentliche Begegnungen mit berühmten Schriftstellern zu beschränken, auf ziemlich düsteren Klatsch und auf unmaßgebliche, aber kauzige Urteile. Grundsätzlich liebte Léautaud nur Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts, in der Gegenwart sah er nur "Nullen, lauter Nullen", abgesehen von Gide, dessen urbaner Liebenswürdigkeit selbst er nicht widerstehen konnte, und Valéry, dessen natürlicher Charme offensichtlich auf das obligat grimmige Literatururteil mildernd wirkte.

Sonst lesen wir: "Der alberne Flaubert, und die Langeweile, die von der Vollkommenheit, der Vollkommenheit der Form, ausgeht...Baudelaire nur ein Fabrikant literarischen Stoffes ... Cocteau, Montherlant, Mauriac und Giraudoux, die alle so ziemlich Nullen sind, haben keinerlei literarische Bildung. Wir, in ihrem Alter, lasen, dachten nach ..."

Einige Jahre später heißt es: "Es gibt heutzutage nur einen einzigen großen Schriftsteller, nämlich François Mauriac."