E. H., München

Die Handwerker in Bayern sind kreuzteufelswild. Plötzlich stellt sich heraus, daß Weißwürste und Leberkäs nicht mehr von Metzgern, sondern von Fleischern produziert werden. Es gibt keine Kaminkehrer mehr,sondern nur noch Schornsteinfeger, und die eingestemmten "Spengler" sollen auf den preußischen Namen Klempner hören. Solches bestimmt die Novelle zur Handwerksordnung, und obwohl diese bundesgesetzliche Regelung schon seit September vergangenen Jahres auch in Bayern in Kraft getreten ist, geraten die Gemüter in Bayern erst jetzt in Wallung. Denn nun liegen die neuen Berufsbezeichnungen schwarz auf weiß vor in den Meisterbriefen der Oberbayerischen Handwerkskammer.

Nach dem Besuch der Meisterschule für das Schreinerhandwerk und nach seiner Meisterprüfung als Schreiner sah sich Wolfgang Fuhrmann aus Ottobrunn mit der Urkunde überrascht, daß er jetzt Tischlermeister sei, wo er doch geglaubt hat, daß es in Bayern nur Schreiner gebe, die ja mehr können als nur Tische machen. Er ist so beleidigt, daß er umsatteln und Maler werden will.

"Eine dümmere und überflüssigere Bestimmung ist selten erlassen worden. Was sind denn das für bösartige Bürokraten und bornierte Kleingeister, die sich daran stoßen, daß der norddeutsche Tischler in Süddeutschland ein Schreiner ist und schon immer war? Gibt es denn keine lohnenderen Ziele, als diesen Staat immer mehr in einen bundesdeutschen Einheitsbrei zu verwandeln?" Mit diesen Sätzen machte der Journalist und Schriftsteller Herbert Schneider, Träger des Münchner Kulturpreises, seinem bajuwarischen Herzen im Münchner Merkur Luft und forderte mit hintergründigen Gedanken – hierzulande liebevoll "Hinterfotzigkeit" geheißen – seine Leser auf: "Fragt doch einmal euren Bundestagsabgeordneten, ob er auch für jenes bitter notwendige Gesetz gestimmt hat. Vielleicht deshalb, um sich nicht als finsterer Hinterwäldler verdächtig zu machen? Oder war er gerade in Urlaub und hat seinen Wählern am Stammtisch erzählt, wie heroisch er die bayerischen Belange droben in Bonn vertritt?"

Das konnte der CSU-Bundestagsabgeordnete Franz Xaver Unertl, beruflich vielseitig als Viehkaufmann, Gastwirt und Landwirt tätig und aus dem Metzgerhandwerk hervorgegangen, nicht auf den Parlamentariern sitzen lassen. In der regionalen Abendschau des Bayerischen Fernsehens versicherte er temperamentvoll, daß die Deputierten, wenigstens die aus Niederbayern, energisch gegen die neuen Bezeichnungen gekämpft hätten. Die letzte Änderung zur Novelle der Handwerksordnung sei "weiter gar nichts als wie a Bastard zwischen preißischer G‘schaftlhuberei und perverser Bürokratie".

Für die Handwerkskammer von Niederbayern zerriß Syndikus Anton Hinterdobler demonstrativ vor der Fernsehkamera eine Urkunde mit der neuen Berufsbezeichnung und versicherte, es werde nur Meisterbriefe mit den in Bayern herkömmlichen Berufsnamen geben. Unertl hofft, daß nach dem niederbayerischen Vorbild auch die Münchner und die Oberbayern sich trauen und die Schneid haben werden, das beizubehalten, was in Bayern seit altersher gegolten hat.