Reh im Ratskeller

Von Marianne Eichholz

Wenn man von Pankow, dem bis 1945 unbescholtenen, verträumten Ostberliner Bezirk, spricht, muß man auch von seinem Image im nichtsozialistischen Ausland sprechen. Die ostdeutsche Filmgesellschaft DEFA bemächtigte sich eines dankbaren Themas, als sie den Film "Pankoff" drehen ließ. "Woran denken Sie, wenn Sie Pankoff hören", befragte der Interviewer Westdeutsche. "Und es hagelte Antworten, die vor Dummheit strotzten" (Christa Maerker im Spandauer Volksblatt). In Oberhausen lachte das Publikum unter anderem über einen Bundeswehrangehörigen, der seinen Vorgesetzten konsultieren wollte, ehe er diese Frage beantwortete. Besonders, da der Interviewer Pankow mit zwei f am Ende sprach. Das klang doch bedrohlich ...

Im Pankower Ratskeller gibt es an diesem Sommertag Forelle, Hecht, Heilbutt, Reh. Dochalle Tische sind besetzt. Die städtischen Angestellten sind aus den Ratsstuben zum Essen geeilt. Im Zimmer 18 des Rathauses können auch während der Mittagszeit Anträge auf Eheschließungen gestellt werden. Der Portier nimmt einen Formularblock – denn, leider, Westdeutsche und Ausländer müssen einen Passierschein ausfüllen. Er schreibt die Personalien aus den Ausweisen ab. "Sie sind in Afrika geboren? Nahe bei. der Kalahariwüste, also." Und, bescheiden: "Man ist auch ein bißchen herumgekommen." Dann eine Spur distanzierter – "denn nun ist es nicht mehr Afrika, sondern ein Ort in der DDR, keine 20 Kilometer von Pankow entfernt: Der Herr sei aus Oranienburg gebürtig?

Nur die Geburtsurkunde und der Personalausweis, bei Zweitverehelichung eventuell das Scheidungsurteil oder die Sterbeurkunde des ersten Partners sind zur Eheschließung notwendig. Ein Aufgebot gibt es nicht mehr; die Regelung stammt aus dem Jahre 1874 und wird in der DDR nicht mehr geübt.

Die Zeitschrift "Für Dich" belehrt uns gründlich. So erklärte Frau Minister Dr. Hilde Benjamin vor der Volkskammer: "Bei der Namensregelung fordert die Gleichberechtigung, daß der gemeinsame Familienname nicht, wie bisher, stets der Name des Mannes sein muß, sondern ebensogut der Name der Frau sein kann." Das Familiengesetzbuch hat somit den vom bürgerlichen Gesetzgeber und in Westdeutschland noch immer geltenden Zwang für die Frau beseitigt, mit der Eheschließung ihren eigenen Familiennamen abzulegen. "Für Dich" zieht ein Fazit: "Die heiratsfreudigen Berliner sagen ja. Bereits drei Männer (bei hundert Eheschließungen im April vor dem Köpenicker Standesamt) machten von der Möglichkeit Gebrauch und nahmen den Namen ihrer Frau an."

Auch dazu sagten die Berliner ja, "daß sie mittlerweile fast ausschließlich durch Frauen in den Stand der Ehe erhoben werden. Leiter des Standesamtes ist ein Frauenberuf. Es gibt in der Hauptstadt nur noch einen einzigen männlichen Vertreter in dieser Funktion." Dazu bringt das Blatt Photos von Bräuten mit Schleiergewölk um glatte Twenstirnen, obwohl "kein Mensch mehr weiß, warum die Bräute von heute Schleier tragen".

Das Rathaus in Pankow leidet wie andere Institutionen, nicht nur in Pankow, an Arbeitskräftemangel. Laut Aushang wird eine Raumpflegerin aus Kreisen der "nichtarbeitenden Bevölkerung" gesucht. Im Reisebüro fehlen Finanz- und Bilanzbuchhalter, in der Druckerei des Neuen Deutschland an der Schönhauser Allee Maschinensetzer, Offsetdrucker, Buchdrucker, Handsetzer, Offsetkopierer, Buchbindereiarbeiter, Schlosser, Elektriker, Hilfsarbeiter.

Reh im Ratskeller

Worauf Pankow mit Recht stolz ist: auf sein modernes Freibad und auf seinen alten Bürgerpark, den 1854 ein Herr Dr. Killisch v.Horn anlegte, der außer dem Parkplan noch eine andere Idee realisierte, die Berliner Börsenzeitung. Das Schild an der Kreuzung Stralsund, Greifswald, Rostock gehört zu Pankow wie die Minol-Tankstelle mit Nachtboxen für 5, 10 und 20 Liter Benzin. Den Schlüssel zu den Boxen mit den Kanistern muß man sich allerdings am Tage abholen und bezahlen. Zu Pankow gehört der Paul-Zobel-Sportplatz, wo "Eintracht Pankow" Fußball spielt, und das rote Plakat am Zaun "II. Eisenbahnmeisterschaft im Schießsport und militärischen Wettkampf".

Zu diesem Stadtteil gehört aber auch das Erschrecken von Günter, dem Pankower, in einer Straße nahe der Sektorengrenze angesichts des Wachtturms: "Der war vor zwei Jahren noch nicht da." Beim Anblick der Männer mit nacktem Oberkörper, die an den "Grenzsicherungsanlagen" weißen Sand in Schiebkarren fortschaffen und auf unsere Bemerkung, daß "bei uns" der Dienst bei Bundeswehr und Grenzschutz nicht zu den Prestigebeschäftigungen zähle, sagt der Pankower: "Berliner stellen sie bei uns nicht an die Mauer, die würden weglaufen."

Der Bezirk Buch liegt weit nordöstlich, weit vom Schuß, schon an der Grenze zwischen Ostberlin und der DDR-Provinz. In Buch: Park und Schlößchen aus dem 18. Jahrhundert, eine der hübschesten Kirchen der Streusandbüchse Brandenburg, und Hospitäler. Eine Geschwulstklinik der Ostdeutschen Akademie der Wissenschaften, eine Tbc-Heilanstalt, ein städtisches Krankenhaus "für Orthopädie und Rehabilitation", eine Anstalt für tausend sieche und alte Menschen.

An der Blankenfelder Chaussee liegt das Barackenäuffanglager für Bundesrepublikflüchtlinge, von denen selten berichtet wird. "Ümma schtehn Westautos davor", sagt Günter. "Ob die was ausgefressen ham bei euch?" Wir sehen einen Mercedes, einen DKW, einen Opel Rekord.

Wo die Chaussee zum Westen abknickt, ist auf der anderen Seite Lübars. "Schtimmt", erinnert sich Günter, "da hab ick als Kind jeschpielt." Pankow nämlich gehört trotz des Image, und ebenso wie die von Eigentümern transatlantischer Ausweispapiere bevölkerten Westberliner Bezirke Dahlem und Zehlendorf immer noch zu Berlin. Es ist ein Stück des von einer skeptischen Mischrasse bewohnten Mittelpunktes Deutschlands. Der Teil einer Stadt, wo der Wahlerfolg der Nazis bei den historischen Reichstagswahlen vom November 1932 erheblich unter dem Reichsdurchschnitt lag.