Ein Bild der Brücke von Avignon gehört zu einem Photobuch über Frankreich unweigerlich wie eines vom Mont Saint-Michel und eines vor. der Kathedrale von Chartres, wie Bilder von den Weinbergen des Midi und von den Loire-Schlössern. Der Band "Frankreich" (Fackelträger-Verlag, Hannover, 260 S., 216 Tafeln, 28,– DM), dem dieses Bild entnommen ist, ist nur ein Beispiel für eine ganze Gattung von Photobüchern über Länder und Städte, die offenbar eine Begleiterscheinung des Tourismus sind.

Die Photographie dieser Bücher hat einen eigenen Stil, er gleicht dem der Postkarten, die ein intelligenter Film von Godard ("Les Carabiniers") Besitzverschreibungen nennt auf das, was; sie darstellen; indem sie den Gegenstand völlig abgeschnitten ausgeben von Raum und Zeit, vor. einem darstellenden Bewußtsein vor allem, machen sie ihn verfügbar und transportabel. Solche Photos sind unhistorisch, sie lieben die ewigen Aspekte des Lebens, kaum je kann man überhaupt feststellen, wann sie entstanden sind. Ihr Begriffsvokabular kennt "südländische Sinnenfreude", sie zeigen Weinkeller und pflügende Bauern, aber keine Idee von einem Agrarmarkt, niemals erlauben sie es, eine Verbindung herzustellen zu den Nachrichten, mit denen das Land, das sie abbilden, täglich in unser Bewußtsein dringt. Sehr gern haben sie es mit Kunstdenkmäiern, aber niemals tun sie etwas zu deren Interpretation, im Gegenteil, sie verfestigen die Kunst zu Begriffen. Menschen kommen selten genug und dann nur als Typen vor. In ihrer Neigung zu jener Vollständigkeit der gezielten Auslassung verraten die Bücher sich: Es gibt Pilger, Clochards und fröhliche Weinbauern, Käsekeller, eine Weltraumforschungsstation im vorliegenden Buch, aber keine Fabrik und keinen Fabrikarbeiter.

Die Vorstellung, die so vermittelt wird, ist "das Frankreich", die optische Entsprechung für "den Franzosen", der allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwindet. In diesen touristischen Photobüchern hingegen gedeiht er noch prächtig. Eine andere Botschaft, die sie vermitteln, ist der Besitz von Kultur. Der Käufer braucht die Photos kaum anzusehen, schon kommt als automatischer Reflex ihr Titel auf seine Lippen: die Brücke von Avignon, Chartres, die Clochards, der Wein, Vallauris. Beliebt sind Flugzeugaufnahmen und repräsentative Fassaden, deren architektonischer Vorwand damit hinfällig wird. Selten läßt die Photographie wirklich Details erkennen, und natürlich schließt der Eilschritt der Bücher (auf zweihundert Seiten ein ganzes Land) ein Verweilen aus. Die Seiten sind zum Umblättern, die Bücher wollen verschenkt oder in den Bücherschrank gestellt werden, dann verkörpern sie Erinnerung an vergangene, Verheißung künftiger Ferien. Jedoch zum Ansehen sind diese Bilder nicht gemacht. Photos eines guten Photographen, Cartier-Bressons zum Beispiel, die Menschen zeigen, wären in einem Frankreich-Band dieser Art nicht unterzubringen. Wenn gute Photographen Städtebücher machten (es, gibt eine Anzahl davon), fanden sie eine andere Form. Oder man muß wohl sagen: überhaupt eine Form.

Herbert Linder