Von Rolf Zundel

Seit Dr. Bernhard Servatius Präsident der "Politischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Welt" wurde, muß er sich gegen den Vorwurf wehren, er werde als Gallionsfigur mißbraucht. Die militanten Katholiken aus dem Süden der Bundesrepublik, die Rebellen gegen Erhard und Schröder vom Schlage eines Guttenberg und Wenger, so lautete der Verdacht, hätten sich einen Protestanten aus dem liberalen Hamburg gesucht, um sich besser tarnen zu können. Und "Star-Anwalt" Servatius – bekanntgeworden durch die erfolgreiche Verteidigung von Eva Mariotti – sei der Versuchung erlegen, wieder einmal Schlagzeilen in der Presse zu machen.

Diese Version ist, soweit sie das Bild von Servatius betrifft, in erstaunlichem Maße falsch. Er ist, im Gegensatz zu vielen Meldungen, überzeugter Katholik, und er ist das genaue Gegenteil dessen, was man sich unter einem Star-Anwalt vorstellt: Die große, theatralische Geste, die donnernde Rhetorik, der bittersüße Hauch von Zynismus – das alles geht ihm ab. Daß er in dem Sensationsprozeß gegen Eva Mariotti, die des Mordes angeklagt war, die Verteidigung übernahm, war – genau besehen – ein Zufall. Sensationen liegen ihm nicht, und der Ruhm hat ihn eher erschreckt.

Servatius hätte sich nach diesem Prozeß leicht eine Karriere als Strafverteidiger aufbauen können, aber er beschäftigte sich weiter mit Handelsrecht und Firmenberatung. Ein paar Verkehrsstrafsachen liefen nebenher. Nur einmal ist er seinem Vorsatz, nicht mehr als Strafverteidiger aufzutreten, untreu geworden; er verteidigte eine alte Frau, die wegen Rückfallbetruges angeklagt war...

Servatius gehört nicht zu jenen, die elegant im Strom der Zeit mitplätschern, viel eher erinnert er an manche Protestanten, die mit hartnäckigem Idealismus von der Mündigkeit der Laien Gebrauch machen. Diese Mündigkeit hat Servatius als führendes Mitglied der "katholischen deutschen Studenten-Einigung" bewiesen, wo er sich bemühte, Brücken zu den Protestanten zu schlagen, und auch bei Diskussionen auf dem Katholikentag, wo er sich für eine liberale Schulpolitik einsetzte. Mit den protestantischen Laien hat Servatius noch etwas anderes gemein: Die mit sittlichem Ernst befrachtete Sprache. "Die CDU" ist nach seiner Definition "der besondere Ort, von dem sich die Christen versprechen dürfen, daß sie dort ihre Vorstellung von der Gestaltung der Welt zum Tragen bringen können."

Hartnäckige Idealisten solcher Art passen nicht ohne weiteres in Organisationen. Servatius ist nicht Mitglied der CDU, und die kühle Distanz zwischen den Hamburger Christlichen Demokraten und ihm scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Und doch ist dieser junge Mann – er ist erst Mitte dreißig – Präsident einer Vereinigung geworden, in der sich manche gewandten Parteistrategen und Routiniers der Politik zusammengefunden haben. Zwar empfindet Servatius dieses Amt nicht als Dauerstellung, aber daß er überhaupt dazu berufen wurde, ist doch erstaunlich genug.

Erklären läßt sich dies vielleicht damit, daß er auf eine sympathisch-exemplarische Art jenes Unbehagen verkörpert, das viele Anhänger der CDU angesichts ihrer Partei empfinden. Diese Kritiker der CDU betrachten mit Sorge die Stagnation in der Partei und sehen mit Neid die programmatische Geschlossenheit der SPD. Sie erinnern sich wehmütig an den Schwung und die Kraft der "alten Union". Diese alte Union wiederzubeleben, ist ihr Ziel; ihre Methode: Die Besinnung auf das Christliche. Guttenberg sieht in der Union die politische Heimat der Christen beider Konfessionen. Servatius bestreitet zwar, daß die CDU ein politisches Alleinvertretungsrecht für die Christen beanspruche; aber er ist doch der Meinung, genauso, wie die Sozialdemokraten das Soziale besonders betonten, müßten die Christlichen Demokraten sich besonders dem "C" verpflichtet fühlen. Hier habe die Entideologisierung ihre Grenze.