Wer hat Kennedy ermordet? War es wirklich Lee Harvey Oswald, und wenn ja, hatte er Komplicen? Die offizielle Darstellung, daß es keine Verschwörung gegeben habe und der Mord die Tat eines neurotischen Einzelgängers gewesen sei, wird neuerdings in der öffentlichen Meinung Amerikas erheblich in Zweifel gezogen, seit zwei wichtige Bücher über das Attentat von Dallas erschienen sind:

  • Edward Jay Epsteins „Inquest“ (eine wissenschaftliche Untersuchung über die Arbeitsweise der Warren-Kommission, die im Auftrage Präsident Johnsons den Mordfall aufklären sollte), und
  • Mark Lanes „Rush to Judgment“ (eine Gegendarstellung jenes Anwalts, der von der Mutter Oswalds ersucht wurde, die Interessen ihres von Jack Ruby ermordeten Sohnes zu vertreten).

Epsteins Enthüllungen über die Praktiken der Untersuchungskommission sind einigermaßen bestürzend: Die Mitglieder, hochangesehene Persönlichkeiten, standen unter starkem Zeitdruck. Chefrichter Earl Warren, der Vorsitzende, wollte, anscheinend auf Wunsch des Weißen Hauses, den Bericht noch rechtzeitig vor der Präsidentenwahl im Herbst 1964 abliefern. Auffällig hat die Kommission ihr Augenmerk hauptsächlich jenen Zeugnissen und Indizien zugewandt, welche für Oswald als den alleinigen Täter sprachen. Epsteins Urteil über die Untersuchung: „Außergewöhnlich oberflächlich.“

Zum Beispiel ging die Kommission niemals dem Gerücht nach, daß Oswald bezahlten Informant des FBI gewesen sei, (lediglich der FBI selber wurde befragt, der sofort dementierte). Einem jungen Mitarbeiter der Kommission, der andere Untersuchungsmethoden vorschlug, wurde bedeutet: „In diesem Stadium versuchen wir, Türen zu schließen, nicht aber, sie zu öffnen.“

Erst jetzt, nach zwei Jahren, ist durchgesickert, daß die Kommission über einen wichtigen Punkt zerstritten war: Ob Kennedy und der vor ihm sitzende Gouverneur Connally von zwei verschiedenen Kugeln oder von derselben, getroffen wurden. Man einigte sich schließlich auf die Version, daß „sehr überzeugende Beweise“ auf eine Kugel schließen lassen.

Wenn es dieselbe Kugel war, die zuerst Kennedy in den Nacken traf und durch seine Kehle wieder austrat und dann Connallys Rücken, Handgelenk und Oberschenkel durchbohrte, kann es nur einen Täter gegeben haben, denn mit dem Gewehr, das Oswald benutzt haben soll, hätte er nicht zweimal innerhalb von 1,8 Sekunden schießen können. (Soviel Zeit nämlich verging zwischen der Verwundung Kennedys und Connallys, wie sich aus dem Amateurfilm eines Augenzeugen ablesen läßt.)

Connally selbst erinnert sich, daß er die Kugel in seinen Rippen erst spürte, als er sich schon nach dem getroffenen Präsidenten umgedreht hatte. Frau Connally sah, daß sich ihr Mann erst nach einem zweiten Schuß in Schmerzen wand. Zu denken gibt auch, daß die fragliche Patrone, die zwei Körper durchschlagen haben soll und Connallys fünfte Rippe und sein Handgelenk zerschmetterte, kaum eingedrückt ist.

Seltsamerweise hat die Warren-Kommission – angeblich aus Gründen des Takts – darauf verzichtet, sich die Photographien und die Röntgenaufnahmen vorlegen zu lassen, die nach der Autopsie des Präsidenten angefertigt wurden. Nur aus ihnen ließe sich ersehen, wo und wie oft Kennedy getroffen wurde und welchen Weg das umstrittene Geschoß genommen hat. Ein Reporterteam des Nachrichtenmagazins Newsweek hat in zwei Monaten nicht herausbekommen, wo die Bilder verwahrt werden.

Es gibt noch andere Merkwürdigkeiten. Verteidiger Lane fand heraus, daß der einzige Tatzeuge, der unmittelbar nach dem Attentat der Polizei schon eine Beschreibung Oswalds geben konnte, ihn später bei einer Gegenüberstellung nicht zu identifizieren vermochte. Nachher gab er vor, nur aus Angst vor etwaigen Mitverschwörern habe er sich im Polizeibüro dumm gestellt – doch diese Ausrede hatte ihm ein Polizist eingegeben!

Eine Reihe von Zeugen hat behauptet, die Polizei habe sie unter Druck gesetzt, ihre Aussagen zu ändern. Von 90 Zeugen waren 58 der festen Meinung, daß die tödlichen Schüsse nicht aus dem Lagerhaus, in dem Oswald gelauert haben soll, sondern von einem Grashügel kamen –, doch die Kommission kümmerte das nicht.

Lane stieß auf seltsame Zufälle: Während der Ermordung Oswa ds ertönte auf dem Gelände des Polizeipräsidiums von Dallas zweimal eine Autohupe – einmal, als Oswald herausgeführt wurde, dann, kurz bevor Ruby seine Pistole zückte, Der Zeuge Warren Reynolds wurde ohne erkennbares Motiv niedergeschossen, wenige Tage nachdem er vor dem FBI ausgesagt hatte, daß der Mörder des Polizisten Tippit anscheinend nicht mit Oswald identisch sei. (Tippit war erschossen worden, als er nach dem Attentat einen verdächtigen Mann festnehmen wollte!) Jener Mann, der unter dem Verdacht des Mordes an Reynolds festgenommen wurde, kam wieder auf freien Fuß, nachdem ihm eine Tänzerin aus Rubys Nachtlokal ein Alibi ausgestellt hatte. Acht Tage danach wurde dieses Mädchen wegen Landfriedensbruchs festgenommen und später in ihrer Zelle erhängt aufgefunden.

Freilich ist Lanes Darstellung nicht weniger einseitig als der Warren-Report. Darum hat ein Freund der Familie Kennedy, Richard Goodwin, bereits gefordert, man solle sich überlegen, ob nicht eine neue, diesmal gründliche und objektive Untersuchung des Mordes von Dallas nötig sei. Einige vermuten, daß Johnsons gefährlichster Rivale, Senator Robert Kennedy, der sich bisher in Schweigen hüllte, dahintersteckt. Denn niemand kann mehr als er von den wachsenden Verdacht profitieren, daß Johnson die Untersuchung der Ermordung seines Vorgängers ein wenig verpfuschen ließ. Die neuentflammte Diskussion über die Tat von Dallas ist mit hochpolitischem Sprengstoff geladen.