Ein Junge hatte ein Päckchen Zigaretten geklaut. Er war erwischt und bestraft worden – damit hätte die Angelegenheit erledigt sein können.

Die Mutter aber konnte den harmlosen Vorfall nicht vergessen. Fortan kontrollierte sie ihren Sohn ständig. Unverhohlen fahndete sie nach weiterem gestohlenem Gut. Obgleich sie nichts Verdächtiges mehr fand, kam sie nicht von der Vorstellung los, daß ihr Sohn ein Dieb sei.

Eines Tages, Jahre nach der Zigaretten-Mauserei, geschah schließlich, was das Mißtrauen der Mutter zu rechtfertigen schien: Ihr Sohn wurde bei einem Einbruch ertappt.

Professor Knight Aldrich vom University of Chicago Hospital, der über diesen Missetäter Ende letzten Monats auf dem 6. Internationalen Kongreß für Kinderpsychiatrie in Edinburgh berichtete, sah indes den Fall ganz anders als die Mutter. Mißtrauen, erklärte Aldrich, erzeuge Verbrechen.

Ein wichtiger Faktor unter den Ursachen für asoziales Verhalten junger Menschen sei, daß die Eltern dieses Verhalten erwarteten. "Die Jugendlichen", so deutete der Forscher die zunehmende Jugendkriminalität sowie andere Handlungen Heranwachsender, die die Öffentlichkeit beunruhigen, "sind in gewisser Weise die Sündenböcke der Gesellschaft geworden, und sie verhalten sich danach."

Aldrich bereicherte das Thema des Kongresses – "Pubertät und Adoleszenz" – um einen gewiß interessanten und beherzigenswerten Aspekt. Eine Patentlösung für die mannigfachen Konflikte, die zwischen Jugendlichen im zweiten Lebensjahrzehnt und ihrer Umwelt ausbrechen, vermochte er jedoch aus seiner Erkenntnis nicht abzuleiten. "Kritik ist einfach", räumte Aldrich ein, "aber Abhilfe schwierig."

Patentlösungen dürften auch nur wenige der über 1000 Psychiater, Psychologen und Fürsorger erwartet haben, die aus 40 Ländern nach Edinburgh kamen. Was der Kongreß bot, war eher eine Bestandsaufnahme dessen, was über eine Entwicklungsphase besonderer seelischer Gefährdung heute bekannt ist. Lange Zeit fand der Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein bei Psychiatern und Psychologen wenig Beachtung. Erst neuerdings wird seine Bedeutung zunehmend gewürdigt.