Dabei ist es "ein einzigartiger dynamischer Prozeß" – wie zwei französische und ein amerikanischer Forscher in einer zum Kongreß herausgegebenen Aufsatzsammlung schrieben –, durch den sich die Reifung vom Kind zum Erwachsenen vollzieht. Fünf Tage lang erörterten die Teilnehmer des Kongresses in Plenarsitzungen, Symposien und zahlreichen Gruppendiskussionen den Verlauf dieses Entwicklungsprozesses und die Erscheinungen, die als Auswirkungen seelischer Fehlentwicklungen teils mehr, teils weniger Beachtung in der Öffentlichkeit finden: Jugendkriminalität und Bandenwesen, Medikamentmißbrauch und Sucht, Verwahrlosung, Schulversagen, Selbstmord...

Hier muß ich eine Bemerkung zur Terminologie einschieben. Englisch und Französisch sprechende Psychiater und Psychologen bezeichnen die Reifezeit, die bei Jungen zwischen 12 und 20 Jahren liegt, bei Mädchen im Durchschnitt zwei Jahre früher, als "adolescence". Autoren deutschsprachiger Lehrbücher über Kindespsychiatrie verstehen indes unter "Adoleszenz" nur eine Entwicklungsstufe innerhalb der "adolescence". In der deutschen Version des Kongreßprogrammes war denn auch "adolescence" vorsichtshalber mit "Jugend" übersetzt worden.

Diese Bedeutung hat das Wort "Jugend" unter anderem auch, etwa wenn wir sagen: "Das ist die Jugend von heute!" Die zuständige wissenschaftliche Gesellschaft in Deutschland hingegen, die "Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie", versteht den Begriff "Jugend" in ihrem Titel umfassender: Er schließt das Kindesalter mit ein. Angesichts solcher Konfusion scheint es mir das kleinere Übel zu sein, "adolescence" hier – den Lehrbuchdefinitionen zum Trotz – kurzerhand mit Adoleszenz zu übersetzen.

Jeder habe eigene Erfahrungen mit der Adoleszenz, sagte Kongreßpräsident Dr. John Bowlby in seiner Eröffnungsrede, aber die Erfahrungen seien eben begrenzt. Der Ablauf der Adoleszenz werde von den Umweltsverhältnissen stark beeinflußt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen der Jugendliche heranwächst, spielen eine Rolle, und ganz besonders das Klima innerhalb der Familie.

Am eingehendsten untersucht ist die körperliche Entwicklung in der Adoleszenz. Der englische Biologe Dr. J. M. Tanner berichtete darüber.

In der Adoleszenz gewinnt nicht nur der Körper des Kindes seine ausgeprägt männliche oder weibliche Gestalt. In dieser Phase setzt auch ein außerordentlich starkes Wachstum ein. Lediglich im ersten Lebensjahr wachsen Kinder noch stärker. Innerhalb von zwei Jahren verdoppelt sich bei Jungen die Körperkraft. Auch die Zahl der roten Blutkörperchen im Körper nimmt stark zu. Sie versorgen das Muskelgewebe mit Sauerstoff und gewährleisten, daß die neu entstandenen Muskelkräfte auch eingesetzt werden können.

Die Zeitpunkte, zu denen das Wachstum beginnt und endet, liegen individuell sehr verschieden. Das Wachstum kann mit 13 1/2 Jahren bereits abgeschlossen sein, aber auch erst mit I8V2 odernoch später. "Sprechen Sie daher nie von einem 14jährigen Jungen", warnte Tanner die Kollegen, "das ist Geschwätz!" Die Altersangabe bedeute doch lediglich, daß der Junge vor vierzehn Jahren geboren sei. Es könne sich – biologisch gesehen – ebensogut um ein Kind wie um einen Mann handeln.