Emily Hahn: China gestern und heute. Von der Tsing-Dynastie zu Mao Tse-tung. Verlag Kurt Desch, München, aus dem Amerikanischen von Pia von Härtungen, 410 Seiten, 28,– DM.

Vor vier Jahren meinte ein großer deutscher Verlag, für Chinabücher sei kein Markt. Seither haben mindestens ein halbes Dutzend Werke über China dem Wunsch, Land und Leute kennenzulernen, Rechnung zu tragen versucht. Das rätselvolle Reich wird Tag für Tag in der Presse erwähnt. Es bestand aber unzweifelhaft das Bedürfnis, die vielseitigen auch geschichtlich eingeleiteten Darstellungen des Chinas von heute durch eine allgemeine Schilderung der geschichtlichen Entwicklung zu ergänzen. Eine solche Aufgabe scheint der Verlag sich gestellt zu haben, als er Emily Hahns Buch in seine Sammlung "Die Welt im 20. Jahrhundert" aufnahm.

Von der sympathischen Gastgeberin der Hongkonger Gesellschaft durfte man eine Fortsetzung ihrer Hongkong-Holidays erwarten. Emily Hahn machte sich aber an das große Unternehmen und umschrieb (auch innerhalb von zweiundzwanzig Kapiteln nicht ganz zusammenhängende) Episoden chinesischer Geschichte von 1850 bis 1950, eine Zeit, mit der sich in ähnlicher Aufteilung alle ernsten Chinaautoren mehr oder weniger eingehend befaßt haben. Sie taten dies einleitend, um dann zur selbstbeobachteten Gegenwart zu kommen.

Der Haupttitel des Buches verspricht uns ein ähnliches Ziel, der Untertitel allerdings schränkt unsere Erwartungen wieder ein. Emily Hahn-Boxer, Frau des ehemaligen Chefs des britischen Army Intelligence Service in Hongkong, betitelte aber ganz richtig ihr seiner Zeit in Amerika erschienenes Buch "China only yesterday". Was sie über das China von heute, das heißt der Jahre 1942-49 berichtet, sind nur zwanzig von 410 Seiten politische Entwicklungen und militärische Kämpfe.

In 21 stoffreichen Kapiteln beschreibt sie hingegen die ersten Beziehungen des englischen wachsenden Weltreichs mit dem alten kaiserlichen China. Es folgt eine eingehende Geschichte der Tätigkeit der Missionen, sowie der Reformbestrebungen innerhalb der chinesischen leitenden Kreise. Danach schildert uns Emily Hahn die Taiping-Rebellion zwar mit mehr Einzelheiten aus zeitgenössischen Quellen als manche frühere Darstellung, mutet aber dabei unserer Aufnahmefähigkeit einiges zu. Ähnlich verfährt sie mit der internen chinesischen Geschichte, vor allem auch der Kaiserin Tsu-hsi, der Hunderttagereform und der Boxerrevolution.

Über all diese Ereignisse schöpft sie aus Biographien, derzeitigen Reiseerinnerungen und Zeitungsartikeln, Gouverneursberichten und heute schwer erhältlichen Geschichtswerken, sowie nicht zuletzt aus den Arbeiten der vor fünfzig Jahren in viele Sprachen übersetzten Dolmetscher Bland und Backhouse. Meist bietet sie das Material ungekürzt, zweifellos ein Vorteil für den Historiker, dem diese Quellen nicht mehr zur Verfügung stehen. Dem Normalleser werden dabei eine Reihe kleiner kulturgeschichtlicher Bemerkungen eine plastische Vorstellung von den Beziehungen Chinas zu Europa von 1780 bis 1840 gegeben.

Nichts bezeichnet den Wandel der Zeiten mehr, als daß bei der ersten Gesandtschaft, die England Ende des 18. Jahrhunderts nach China schicken wollte, man monatelang nach einem chinesischen Dolmetscher suchen mußte. Schließlich fand sich ein einziger chinesisch sprechender Europäer; aber auf der monatelangen Reise um das Kap der Guten Hoffnung starb er, wie auch der Gesandte selbst. Fünf Jahre später war der neuernannte Außerordentliche Gesandte und Bevollmächtigte Minister McCartney in der gleichen Verlegenheit. Es gab weder in England noch Dänemark noch gar Portugal eine einzige Person, die sich mit Chinesisch befaßt hatte. Als Lösung verwies ein Kardinal auf chinesische Missionsschüler, die sich in Neapel für den Priesterberuf in ihrer Heimat vorbereiteten. Außer Chinesisch sprachen sie aber nur Lateinisch und Italienisch. Deshalb war die Gesandtschaft wesentlich auf den zwölfjährigen Sohn eines mitreisenden Freundes des Gesandten angewiesen, der sich während der langen Reise eine Reihe chinesischer Schriftzeichen angeeignet hatte.