Massenmedien, Politik und öffentliche Meinung

Von Klaus v. Bismarck

Immer wieder wird gefragt: Wie unabhängig sind Hörfunk und Fernsehen? Bei dieser Frage schwingt die Sorge mit, daß die Mächtigen in Staat und Gesellschaft sich dieser Massenmedien bedienen könnten, um damit eine ihnen genehme öffentliche Meinung zu machen. Klaus v. Bismarck, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, untersucht im folgenden Artikel, welche Wirkung diese Massenmedien auf die öffentliche Meinung haben, wer Einfluß auf die Massenmedien sucht und wie sich der Rundfunk gegen unerwünschten Einfluß schützen kann.

Das Wort "Massenmedien" erzeugt offenbar bei bestimmten Menschen und Gruppen eine Schreckwirkung. Ist hier eine unbewußte Assoziation mit einer bösen Suggestionsmacht im Spiel, deren Verantwortlichkeit nicht faßbar ist; einer Macht, die ihren Opfern eine verfälschte Wirklichkeit vorgaukelt und sie selber manipuliert?

Das lateinische Wort "Medium", an sich nur sachlich als Mittel, nämlich der Massenkommunikation verstanden, ist andererseits geeignet, unterschwellig die Vorstellung noch zu verstärken, daß man es hier mit einer rätselhaften, verwerflichen Einschläferung und mächtigen Beeinflussung von Menschen zu tun habe: eben weil man unter "Medium" nicht ein Subjekt – das Instrument – versteht, sondern ein Objekt, das der Magie mehr oder weniger preisgegeben ist.

Natürlich haben wir, die Verantwortlichen für dieses Instrument, mit dem wir umgehen, ein vitales Interesse daran, zu erfahren, wie es eigentlich beschaffen ist, und zwar sowohl wie es in sich selbst ist, als auch, wie es in die Öffentlichkeit hineinwirkt. Auf der einen Seite stehen wir: das Haus mit seinem Mitarbeiterstab, seinem technischen Apparat und seinen Aufsichtsgremien; auf der anderen Seite stehen das Publikum als eine zunächst unbekannte Größe und schließlich die Kräfte, die mehr oder weniger legal auf die Gestaltung des Rundfunks und des Programms Einfluß nehmen oder nehmen wollen. Die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird – wie das Gesetz es befiehlt – von gewählten Aufsichtsgremien kontrolliert. Da außerdem eine dauernde kritische Selbstkontrolle geboten ist, sind wir bemüht, immer wieder neu der Frage nachzugehen: "Wer beeinflußt und prägt hier eigentlich wen? Wie stark ist solche Prägung und wie lange hält sie an?"

Was die Publikumswirkung anbetrifft, sind wir auf die bisher vorliegenden Ergebnisse der Hörer- und Zuschauerforschung und den Erfahrungsschatz der Rundfunkredaktionen angewiesen. Es mag überraschend sein, daß nach den bisher bekannten Forschungsergebnissen die Wirkung der Massenmedien auf die öffentliche Meinung im allgemeinen weit überschätzt wird. Die Medienforscher sind sich nahezu einig in der Überzeugung, daß die Reizüberflutung durch die Medien – unter diesem Sammelbegriff faßt man Zeitungen und Illustrierte, Film, Funk und Fernsehen zusammen – den Einfluß der einzelnen Medien neutralisiert.