Als sie zum drittenmal heiratete (oder vielmehr auf Befehl ihres Vaters verheiratet wurde), war sie 28 Jahre alt und bereits Mutter von fünf Kindern. Ihr erster Mann, dem sie als erst Vierzehnjährige angetraut worden war, und auch der zweite, der Vater ihrer Kinder, waren gestorben. Sie galt als eine der bezauberndsten Frauen ihrer Zeit; sie war schön, charmant, geistreich, sehr gebildet. Und sie verstand zu leben, so zu leben, wie sie wollte, nämlich mit anderen Männern. Daß sie verheiratet war, hinderte sie daran nicht. Die erste Ehe – mit einem Siebzehnjährigen – hatte nur kurze Zeit gedauert.

Das zweitemal war sie mit einem Freund und alten Kampfgenossen ihres Vaters verheiratet; er war vierundzwanzig Jahre älter als sie. Als hoher Offizier hatte er wenig Gelegenheit, zu Hause zu sein. Meist hatte er in einer der Provinzen des Landes zu tun, weit entfernt von der Hauptstadt, in der seine Frau lebte und sich umschwärmen ließ. Trotz ihres freien Lebenswandels sollen ihre Kinder überraschende Ähnlichkeit mit ihrem Mann gehabt haben. Auf die Frage, wie sie das fertiggebracht habe, gab sie die berühmt gewordene Antwort, die ein Historiker des vorigen Jahrhunderts nur auf lateinisch zu zitieren wagte: "Numquam enim nisi navi plena tollo vectorem" – auf deutsch: "... weil ich nur als beladenes Schiff den Fahrgast trage."

Aber sicher ist das nur eine literarische Antwort. Denn in Wirklichkeit kann sie mit dieser Methode allein nicht gut ausgekommen sein, schon gar nicht in ihrer dritten Ehe (mit einem Stiefsohn ihres Vaters übrigens), der nur ein Kind entstammte. Gerade in den Jahren ihrer dritten Ehe – wieder mit einem Mann, der selten zu Hause war – trieb sie es besonders schlimm: Es heißt, sie sei für jeden Mann zu haben gewesen, und sie habe schließlich das Leben einer Dirne geführt.

Ob sie wirklich so schamlos lebte (wie es allerdings von namhaften Leuten behauptet wurde), und ob das (wie ebenfalls behauptet) der Grund dafür war, daß sie schließlich auf Betreiben ihres Vaters die Hauptstadt des Landes verlassen und in die Verbannung gehen mußte, ist nicht ganz deutlich. Möglicherweise steckte etwas anderes dahinter, vielleicht eine Verschwörung gegen den Vater und dessen strenge Gesetze gegen übertriebenen Luxus und eine ständig zunehmende Sittenlosigkeit in der Ersten Gesellschaft. Jedenfalls war nicht nur die inzwischen 37jährige von jenem Skandal betroffen, sondern mit ihr eine Gruppe junger Adliger.

Und ein paar Jahre später fand dieser Skandal gewissermaßen eine Wiederholung. Zwar war sie selber noch immer in der Verbannung – sie durfte nie wieder in die Hauptstadt zurückkehren –, aber eine ihrer Töchter, die übrigens denselben Vornamen hatte wie die Mutter, stand diesmal im Mittelpunkt ganz ähnlicher Affären. Und auch sie mußte in die Verbannung.

Beteiligt war diesmal auch einer der berühmt testen Dichter, Hessen, Werke noch heute immer neu gedruckt und gelesen werden. Damals wurden sie aus allen öffentlichen Bibliotheken entfernt, und der Dichter selber wurde auf Lebenszeit verbannt. Er, der so viel über die Liebe und das Lieben geschrieben hatte, galt wohl als der intellektuelle Verführer zu jenem freien Leben der beiden Frauen.

Wer war die ältere der Frauen, die mit 53 Jahren in der Verbannung gestorben ist?