Analyse, Mahnung und Bekenntnis

Von Eugen Gerstenmaier

Den Ruf des Jüdischen Weltkongresses, hier zu sprechen, empfinde ich als eine ungewöhnliche Auszeichnung, aber ich habe die schwersten Zweifel, ob es einem Deutschen, der nicht für sich, sondern für sein Land sprechen soll, möglich ist, mit seiner Stimme über den Abgrund zu dringen, der Juden und Deutsche trennt. Ich verstehe recht gut jene unter Ihnen, die diesem Versuch widersprochen haben, und ich würde es auch begreifen, wenn der und jener sich beide Ohren zuhielte, um eine deutsche Stimme nicht hören zu müssen – was sie auch immer sagen möge.

Ich möchte damit nur andeuten, daß ich mir trotz Ihrer Einladung keine Illusionen mache über das geschichtliche Gewicht und die menschlichen Folgen der ungeheuren Blutschuld, die im Namen Deutschlands – nicht allein aber vor allem an den Juden – begangen wurde. Auch heute, nach mehr als zwanzig Jahren steht diese Blutschuld unbezwingbar vor uns. Der Fluch des Unabänderlichen ist so groß, daß sich auch die Entschlossensten, die Tatkräftigsten und die Gutwilligsten unter uns nur mit Mühe ihrer lähmenden Wirkung entziehen können.

Gerade deshalb aber muß diese Stunde uns Deutschen etwas bedeuten. So groß meine Bedenken auch waren, so ernstlich ich mich fragte, ob dem Jüdischen Weltkongreß damit nicht zuviel zugemutet werde, so dankbar bin ich doch Ihrem Präsidenten, Herrn Dr. Nahum Goldmann, für den Versuch, auch auf einem Jüdischen Weltkongreß über den Abgrund hinweg, der sich zwischen Juden und Deutschen aufgetan hat, menschliche Stimmen vernehmbar zu machen.

Die Anlage dieses Versuches mit seiner eindringlichen historischen Vergegenwärtigung halte ich schon deshalb für richtig, weil man sehen muß, was man verloren hat, und weil man wissen muß, daß der Rassenwahn der Hitler, Himmler und Genossen eben nicht nur die Marotte einer verrückten Verbrecherclique war. Dieser Wahnsinn hatte Wurzeln. Und sie muß man freilegen, um sie ausreißen zu können.

Wenn ich diese Stunde indessen recht verstehe, so sollte sie nicht nur der Vergangenheit und dem Blick über den Abgrund und auf das Verlorene gelten. Es mag sein, daß es meiner Generation versagt bleibt, eine neue befreite Verbindung von Deutschen und Juden zu erleben. "Es hat ja doch alles keinen Sinn! Über den Berg von Leichen kann keiner mehr hinweg!" Das ist die Stimme, die ich häufiger von Deutschen als von Juden höre. Sie droht alles zu lähmen, denn sie führt nicht nur in das Schweigen, sondern auch in die resignierte Tatenlosigkeit.