FÜR Leser, deren Interesse an den beiden im Februar dieses Jahres verurteilten sowjetischen Schriftstellern Sinjawskij (Terz) und Danielj (Arshak) sich nicht im Interesse an einer Affäre der sowjetischen Justiz erschöpft –

Abram Terz: "Der Prozeß beginnt und andere Prosa", aus dem Russischen von Gisela Drohla und Eduard Susik; Band 777 der Fischer Bücherei, Frankfurt; 155 S., 2,80 DM.

ES ENTHÄLT – sozusagen als Vorgriff auf die vom Wiener Zsolnay-Verlag vorbereitete Terz-Ausgabe, deren erster Band, der Roman "Ljubimow", in diesem Herbst erscheinen soll – die beiden längeren Erzählungen "Der Prozeß beginnt" (vor Jahren im Monat gedruckt und auch in einer Anthologie des Verlages Kiepenheuer & Witsch enthalten) und "Glatteis" sowie den Essay "Was ist der sozialistische Realismus?".

ES GEFÄLLT, daß nunmehr dem deutschen Publikum Gelegenheit gegeben wird, diesen Mann Abram Terz nicht nur als Gegenstand und Opfer eines politischen Kalküls, sondern als Schriftsteller kennenzulernen – und damit auch die Voraussetzungen des Prozesses, der ihm gemacht wurde, zu begreifen. Die Lektüre zeigt, daß hier einmal nichts propagandistisch aufgebauscht wurde; daß Terz ein überaus ernsthafter und ernst zu nehmender Schriftsteller ist und daß die Sowjetmacht in der Tat ernstliche Schwierigkeiten haben muß, sich mit seinen Schriften abzufinden. Ist er ein Feind des Sozialismus? Aufschlußreicher als die beiden Erzählungen ist in dieser Hinsicht sein grimmiger, aus intimer Kennerschaft entstandener Aufsatz über den sozialistischen Realismus, sind besonders jene Stellen, die den skeptischen, ironischen, zweifelnden, mit keiner bequemen Antwort oder Vorschrift abzuspeisenden "überflüssigen Menschen" der russischen Literatur beschreiben, jenen Typ, den der sozialistische Realismus abschaffte: "Er ist weder für das Ziel noch gegen das Ziel, er ist außerhalb des Ziels ... In einem Augenblick, in dem die ganze Welt eine klare Vorstellung vom Ziel gewonnen und sich in zwei feindliche Kräfte gespalten hat, tut er, als verstehe er nicht, und fährt fort, die Farben zu mischen: Er erklärte, es gebe weder Rote noch Weiße, sondern nur arme, unglückliche, überflüssige Menschen." D. E. Z.