Claude Brown: Im gelobten Land. Desch Verlag München, 469 S., 24,– DM.

Für den Fernsehzuschauer, der im abendlichen Report randalierende Neger aus Harlem, Los Angeles oder Alabama ins Haus geliefert bekommt, sind diese Neger so abstrakt wie für einen Bomberpiloten feindliches Zielgebiet: zwar weiß er, daß es sich um Menschen handelt, doch ist die Distanz zu groß, als daß sie durch die normale Vorstellungskraft überwunden werden könnte. Claude Brown hebt diese Distanz mit einem Schlage auf, ein farbiger Mann, der von seiner Jugend erzählt, der uns mitnimmt in das Haus seiner Kindheit: "Das war das Haus, wo Mr. Lawson einen Mann umgebracht hatte, weil er in den Flur pinkelte. Ich erinnerte mich, da ich mich an dem Morgen, nachdem Mr. Lawson diesem Mann den Kopf mit einem Baseballschläger zerschmettert hatte, nicht getraute, die Treppe hinunterzugehen. Überall im Flur war noch Blut zu sehen. Das war das Haus, wo immer jemand aus den Fenstern im Flur schoß. Meist schossen sie auf Johnny D., und meistens schossen sie daneben. Das war das Haus, das ich mehr liebte als irgendeinen anderen Platz auf der Welt. Der Gedanke, dieses Haus nicht wiederzusehen, erschreckte mich zu Tode."

Der Verfasser war mit neun Jahren Mitglied der Harlem Buccaneer, erwarb Straßenruhm in dieser Schlägerbande, die von Gelegenheitsdiebstählen profitierte; mit dreizehn wäre er fast an den Folgen eines Schusses verblutet, den ihm eine Frau in der 145. Straße verpaßte. Sie besuchte ihn im Krankenhaus und erzählte ihm, die Leute hätten es satt gehabt, sich von der Bande all ihre Laken und Decken stehlen zu lassen. Deshalb hätte sie zwei brandneue Bettdecken auf die Wäscheleine gehängt und sich mit einem doppelläufigen Gewehr ans Küchenfenster auf die Lauer gelegt.

Er wurde auf eine Schule für emotionell gestörte, zurückgebliebene und schwer erziehbare Jungen geschickt, aber ohne jeden Erfolg, wenn man von den Erfahrungen absieht, die er zwischen Homosexuellen, Mördern und professionellen Dieben machte – eine Tiefseewelt der menschlichen Gesellschaft, die noch nicht so entfernt von anderen Zonen ist, wie der normale Bürger glauben möchte. Claude Brown kam schließlich auf die Höhere Handelsschule, aber er arbeitete als Schlepper und verkaufte Marihuana. Damals war Marihuana in Harlem die große Masche, "es gab viele Burschen, die versuchten, ein junges Mädchen süchtig zu machen und es dann auf die Straße zu schicken. Wenn ein Mädchen süchtig war, endete es gewöhnlich auf dem Markt auf der 125. Straße zwischen Third Avenue und St. Nicholas Avenue, wo sich alle Huren herumtrieben. Sie verkauften sich alle für Geld."

Auch sein jüngerer Bruder, Pimp genannt, wird süchtig, und Claude, der sich über die Gefahren des Rauschgiftes klar und selbst nicht süchtig ist, kämpft einen verzweifelten und vergeblichen Kampf um den Bruder.

Die Unmittelbarkeit der Schilderung, vor allem in den ersten beiden Dritteln des Buches, läßt einen vollkommen vergessen, wie groß die literarische Leistung ist, sie erhalten zu haben; auch die deutsche Übersetzung von Erika Noßbüsch hat die Echtheit des Harlemer Slang geschickt erhalten können. So nimmt man an einem Bildungsgang teil, der sich auf Begegnungen mit Kriminellen aller Grade aufbaut, und doch gibt es keinen Menschen im Umkreis des Erzählers, dem man sein Verständnis versagen könnte. Die landläufigen Vorurteile gehen davon aus, daß ein Mensch durch eine Umgebung verdorben, mindestens aber von seinen eigenen Handlungen auf eine Weise belastet werden könne, daß eine "Resozialisierung" ausgeschlossen erscheint. Das Strafregister des Claude Brown, rechnet man alle begangenen, aber nicht entdeckten Straftaten hinzu, würde jeder Polizeibehörde Grund zu totalem Mißtrauen und jeder Justizbehörde Anlaß zu vorgefaßten Meinungen über den Angeklagten bieten, die ihn zum "jugendlichen Rechtsbrecher" abstempeln würden.

Claude Brown erlebt eine Liebesgeschichte mit einem weißen Mädchen aus bürgerlichem Haus, skeptisch von vornherein, denn "viele Eltern wissen nicht, wie sie wirklich über Neger denken, bis eines Tages einer in ihr Haus kommt". Es ist keine sexuelle Affäre, sondern eine Begegnung zwischen Menschen, und es besteht kein Zweifel, daß sie beide zusammengehören – bis Judy eines Tages grußlos wegbleibt. Er hört nie wieder von ihr.