Der Krieg in Vietnam ist unentschieden. Trotz ihrer Luftoffensive gegen Nordvietnam, trotz der beachtlichen Erfolge ihrer "fliegenden Kavallerie", trotz eines gewaltigen Aufwandes an Menschen und Material, der beinahe schon Korea-Ausmaß erreicht hat, vermögen die Amerikaner noch kein Ende, geschweige denn einen Sieg abzusehen.

31 000 Vietcongs und Nordvietnamesen sollen seit Januar getötet worden sein, aber zum Erstaunen der amerikanischen Öffentlichkeit ist der Feind mittlerweile noch stärker geworden: in sieben Monaten um 52 000 auf 282 000 Mann (110 000 reguläre Soldaten, davon etwa 40 000 aus Nordvietnam, 112000 Guerillas, 40 000 Politkommissare, 20 000 Troßsoldaten.) Experten des Guerillakrieges halten einen Sieg aber erst dann für möglich, wenn das Stärkeverhältnis 10:1 oder mindestens 6 : 1 zuungunsten der Partisanen ausfällt.

Bis Anfang dieser Woche waren in Süd Vietnam 292 000 US-Soldaten an Land gegangen. Zum Jahresende soll ihre Zahl auf 380 000 ansteigen. Rechnet man die 60 000 Mann der 7. Flotte dazu und die 25 000 Soldaten, die in Thailand, Guam, Okinawa und auf den Philippinen für den Luftkrieg und den Nachschub eingesetzt sind, erreicht das amerikanische Engagement die stattliche Höhe von 465 000 Mann – das sind nur 10 000 weniger als auf dem Höhepunkt des Koreakrieges.

Vorige Woche wurde Washington durch die (freilich dementierte) Aussage General Greenes, des Kommandeurs der Marinefüsiliere, schockiert, daß mindestens 750 000 Soldaten benötigt würden, um Südvietnam innerhalb von fünf Jahren zu "pazifizieren".

Die Richtung, in die sich der Krieg fortbewegen kann, wurde offenkundig, als vor einigen Tagen ein Befehl bekannt wurde, der es den US-Feldkommandeuren freistellt, in "Selbstverteidigung" international anerkannte Grenzen zu überschreiten, also nach Kambodscha, Laos oder Nordvietnam vorzudringen. Dazu das Pentagon: "So etwas wie einen Jalufluß gibt es nicht mehr!" (Im Koreakrieg durften die amerikanischen Operationen nie über den Jalu, die Grenze zwischen China und Korea, ausgedehnt werden.)