Tokio, im August

Japan fängt an, über seine Verteidigung und Sicherheit zu diskutieren. Die neutralistische und pazifistische Nachkriegsära scheint zu Ende zu gehen. Mehr und mehr breitet sich das Gefühl aus, daß das Land bedroht werden konnte – und zwar ausgerechnet von China, dessen Gefährlichkeit die Japaner bis vor kurzem immer heruntergespielt hatten. So erklärt sich, daß die zwanzig Jahre alten Tabus, mit denen alles Militärische belegt war, jetzt zerstört werden. Die emotionale Schwarz-Weiß-Malerei verblaßt; in die Verteidigungsdebatte kommen Grautöne. Die Feststellung, daß Japan Atombomben bauen könne, hätte früher einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen; heute ist sie beinahe schon ein journalistischer Gemeinplatz.

Der Meinungsumschwung begann in eigentümlicher japanischer Sprunghaftigkeit mit einer Erklärung des stellvertretenden Außenministers und ehemaligen Moskau-Botschafters Shimoda, es könne nicht mehr länger hingenommen werden, daß die nuklearen Staaten eine Monopolisierung der Weltpolitik versuchten. Sie müßten durch tatsächliche Beweise der Abrüstung einen Preis dafür bezahlen, daß die außer ihnen zur Herstellung nuklearer Waffen fähigen Länder auf Atombomben verzichteten. Japan werde einen Atomsperrvertrag nicht ohne weiteres unterschreiben.

Damit hat Tokio zum erstenmal nach dem Kriege in der Außenpolitik Bedingungen gestellt. Es legt sein Vermögen, eigene Atomwaffen zu bauen, samt dem Prestige eines Landes, das bis 1945 Weltmacht war, wieder in die Waagschale globaler Entscheidungen. Die amerikanischen Versuche, das Inselreich aus seiner politischen Isolierung herauszulocken und in Asien abermals Verantwortung zu übernehmen, tragen angesichts eines atomar bewaffneten Chinas jetzt erste Früchte.

Zeitschriften, die vor einigen Monaten noch als marxistisch und linksintellektuell galten, nennen die bisherige Haltung der Japaner zu Fragen ihrer militärischen Sicherheit auf einmal illusionär und utopisch. Beinahe über Nacht kommen Kommentatoren zu Wort, die den Hiroshima-Komplex als idealistischen Pazifismus kritisieren, für den fortan kein Platz mehr sei.

Noch trennen Regierung und Opposition in der Verteidigungspolitik Welten, obgleich bei den Sozialisten bereits einzelne Stimmen laut werden, die der Parteiführung nahelegen, von der bisherigen pazifistischen Grundrichtung Abschied zu nehmen. Interessant sind daher vor allem die verschiedenen Verteidigungskonzeptionen innerhalb der in mehrere Richtungsgruppen zerfallenen liberal-demokratischen Regierungspartei. Eine Gruppe befürwortet die Verlängerung des Sicherheitsvertrages mit Amerika um weitere zehn Jahre über 1970 hinaus, da Japan sich aus finanziellen und wirtschaftlichen Gründen nicht allein verteidigen könne. Andere möchten das Militärbündnis mit Amerika zu einer der NATO ähnlichen pazifischen Verteidigungsorganisation unter Einschluß von Australien, Neuseeland, den Philippinen, Taiwan und Südkorea erweitern. Befürworter eines solchen, den ganzen pazifischen Raum sichernden Bündnisses ist vor allem der ehemalige Luftwaffeninspekteur General Genda, der heute im Oberhaus sitzt. Er tritt weiter für eine multilaterale Atomstreitmacht ein, bei der jedes Mitgliedsland den Finger am atomaren Drücker hat.

Solch eine nationale Mitsprache soll all jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die in der Presse offen Japans atomare Bewaffnung fordern. Man könnte sie die japanischen Gaullisten nennen. Enttäuscht von den Genfer Abrüstungsverhandlungen argumentieren sie, Japan solle durch eigene Atombomben seine diplomatische Bewegungsfreiheit zurückgewinnen. Atomwaffen gehörten nun einmal zu den Statussymbolen eines unabhängigen Landes. Die amerikanischen Militärstützpunkte ermutigten das japanische Volk geradezu, in seiner Verteidigungsbereitschaft zu erschlaffen und in seinem Selbstbehauptungswillen zu erlahmen. Es sei daher nicht ratsam, die Amerikaner in Friedenszeiten weiterhin im Lande zu lassen. Auch lasse sich ohne die Auflösung der US-Stützpunkte kein normales Verhältnis zu China herstellen.

Noch ist die Verteidigungsdebatte im Stadium der Unverbindlichkeit. Die japanische Regierung wird in absehbarer Zeit ohne Billigung von Washington keine Entscheidungen treffen. Aber das bisher Unaussprechbare kann nun öffentlich diskutiert werden. Es ist in Japan nach zwanzig Nachkriegsjahren etwas in Bewegung geraten. Das bewegende Moment jedoch waren Chinas drei Atomexplosionen und der Vietnamkrieg. Diese Ereignisse haben das alte Bild vom friedlichen China ins Wanken gebracht. Maos Politik hat erreicht, daß der emotionale Anti-Amerikanismus in der japanischen Öffentlichkeit abklingt und einzelne Japaner bereits eigene Atombomben fordern. Hans Wilhelm Vahlefeldt