Wäre der Kanzler ein so belesener Mann wie Bismarck es war, könnte er seine Gedanken exakt formulieren wie Brüning, der letzte deutsche Premier, der seine Muttersprache in allen Nuancen beherrschte, dann hätte er die Möglichkeit, mit Hilfe von Miniaturporträts eine Galerie berühmter Pinscher zu entwerfen, ein Kabinett, in dem Jonathan Swift so gut wie Thomas Mann vertreten sein müßte (denn der Zauberer hat ja die These vertreten, vor 1933, daß der Platz des deutschen Bürgertums nur an der Seite der Sozialdemokraten sein könne), eine Bilder-Sequenz, an deren Ende der Schriftsteller Hochhuth, an deren Anfang der Schriftsteller Euripides stünde, jener illustre Proto-Pinscher und Tendenz-Literat, der in den "Troerinnen", dem ersten uns bekannten pazifistischen Drama, seine Landsleute vor der sizilianischen Expedition und ihren Folgen zu warnen versuchte: Niemals wieder sind die Schrecken des Krieges, sind Elend, Verrohung und Sittenverfall, sind martialische Heuchelei, die Ideologie des Imperialismus und die Sieger-Moral so gnadenlos entlarvt worden wie in diesem Stück, das die zum Angriffskrieg bereiten Athener im Jahre 415 v. Chr. mit anhören mußten.

Kein Wunder also, daß gerade Jean-Paul Sartre sich eine Adaption dieses Dramas nicht entgehen ließ; die Parallelen liegen auf der Hand, und der französische Schriftsteller zögerte nicht, sie kräftig zu unterstreichen – ohne doch, dies sei zu seinem Ruhme gesagt, aus den "Troerinnen" ein krud tendenziöses Schauspiel, mit Agamemnon als dem General der französischen Siedler oder einem Odysseus-Dulles, zu machen. Wie bei Euripides stehen sich Angreifer und Verteidiger, Eroberer und Überfallene, Sieger und Besiegte gegenüber, nur die Antithese zwischen Europäern (oder Europäer-Enkeln) und Asiaten, bei dem griechischen Dramatiker allenfalls angedeutet, wurde im Zeichen des Vietnam-Kriegs verstärkt. Im übrigen übernimmt Sartre den Text der Vorlage oft wortgetreu, dichtet, mit Ausnahme des Schlusses, nur wenig hinzu, stellt vielmehr Fragen an das griechische Stück, interpretiert das Schweigen, zeichnet Linien nach, spinnt aktuell-politische und zeitlos-atheistische Ansätze aus, erweitert Beiläufiges, gibt Nebensätzen das Gewicht von Thesen und verstärkt, vor allem im Fall des Herolds, die psychologischen Valeurs: Darf Andromache stumm bleiben, wenn Hekuba ihr zur Kollaboration rät; ist es Talthybios gestattet, die Frage der Chor-Frauen zu übergehen, welchem Griechen sie als Gefangene zugelost seien; hat sich der moderne Dramatiker, wie Euripides, damit zu begnügen, den Menelaos als einen Mann abtreten zu lassen, der zur Bestrafung Helenas entschlossen ist; muß er nicht viel deutlicher als der Grieche, der mit einem Publikum von Homer-Kennern rechnen durfte, die Umstimmung Menelaos’, Helenas Triumph und damit die Straflosigkeit der eigentlich Schuldigen aussprechen lassen?

Kein Zweifel, daß der Zwang zur Verdeutlichung, zum Herauspräparieren der Grundtendenz, Asiaten verteidigen sich gegen die weißen Aggressoren, bisweilen zu Vergröberungen führte. Das gilt vor allem für die Heuchelei der Griechen, die bei Sartre weniger Hellenen als bürgerliche Ideologen amerikanischer Provenienz sind, das gilt aber auch für manche, hinzugefügten Theater-Momente, wie Andromaches Anrufung des toten Hektors, der Versuch einer Toten-Erweckung, oder Kassandras Prophetie, die, weit über Euripides hinausgehend, in plakativen Monstre-Bildern schwelgt. Doch dies sind Ausnahmen, die den Rang des von Hans Mayer glanzvoll und exakt ins Deutsche übertragenen Dramas (wie gut, daß Begriffe wie Alliierter und Opportunistin, bei Sartre durchaus termini technici, nicht eingedeutscht wurden) in keiner Weise berühren. Eine eingehende Analyse, ein kritischer Vergleich zwischen Sartre und Euripides könnten die Eigenarten antiker und moderner Dramatik in plastischer Weise erhellen, könnten zeigen, wie viele Erläuterungen, Kommentare und Interpretationen der Autor unserer Tage dort braucht, wo der antike Dramatiker im Angesicht eines Kenner-Publikums, dem soziologische, moralische und religiöse Werte unstrittig waren, mit einer einzigen Abbreviatur auskam. Substantialität dort, Subjektivität hier... die Antithese Hegels hat noch immer ihre Gültigkeit.

Man sah, unter Ulrich Erfurths Regie, eine Darbietung der Hersfelder Festspiele, eine redliche, wenngleich ein wenig schrille, vordergründig-aute Inszenierung, deren Pathos die mangelnde Intensität nicht ersetzte. Die Choreographie erinnerte an Alt-Bayreuth, die Einstudierung war deplorabel, das unisono klang ruinös. Unter den Akteuren traten Hilde Krahl und Hans Quest (als Poseidon) hervor, die übrigen taten das ihre, Kassandra zum Beispiel, die einer geschlossenen Anstalt entsprungen zu sein schien, und Helena, eine Provinz-Soubrette, an der man allenfalls den Heroismus rühmen möchte, mit dem sie an einem kalten hessischen Abend, die Spieler hatten Atemrauch vor den Mündern, ihr Dekolleté trug, doch das allein reichte leider nicht hin.

Nun, es wird bessere Aufführungen geben. Das Stück, das die Humanitätsredereien von Kindermördern entlarvt, hat es verdient.

Momos