Von Paul Sethe

Es war ein weiter Weg von dem kleinen schwäbischen Handwerkerheim über das Bayreuther Zuchthaus bis zu dem Platz, auf dem der zweite Mann des Staates heute steht. Daß Eugen Gerstenmaier ihn gehen konnte, verdankt er der glücklichen Mischung von Gedankenreichtum, rednerischer Kunst und schwäbischer Zähigkeit. Auf der ganzen Länge des Weges und auf allen Umwegen ist er sich selber treu geblieben. Sich selber treu, das heißt aber hier: einer vielschichtigen und nicht immer leicht zu durchschauenden Natur.

Er ist ein ausgezeichneter Parlamentspräsident geworden, ein besserer, als die zweifelnde Fraktion wußte, die ihn 1954 mit nur knapper Mehrheit wählte. Er hat die Arbeit der Volksvertretung geleitet, er hat ihre Würde gewahrt, er hat sich darum bemüht, ihr Ansehen zu erhöhen. Es bekümmert ihn, daß sie nicht die Zuneigung findet, die ihr nach seiner Meinung gebührt.

Es ist ihm manches nicht gelungen in diesem Amte. Die Parlamentsreform ist bisher steckengeblieben; die Zahl der Abgeordneten zu mindern, hat sich als unmöglich erwiesen. Stunden der Resignation sind ihm gewiß nicht fremd. Aber ein Parlamentspräsident ist kein Diktator, er kann nur immer wieder anregen, das Schlimme tadeln, das Gute fördern. Die Beschlüsse zu fassen, ist Sache des Souveräns, der Volksvertretung.

Aber auch wo ihm das Letzte nicht gelungen ist, respektiert man innerhalb wie außerhalb des Hauses sein redliches Bemühen, so wie man seine unparteiische. Geschäftsführung – die einem Manne von seinem Temperament nicht immer leichtfallen mag – bewundert und achtet. Er gibt seinem Amt natürliche Autorität. Wenn er an den großen Tagen zum Hause spricht, hört ihm die Nation aufmerksam und bewundernd zu. Man kann sich einen anderen Präsidenten – keinen besseren denken.

Langsam hat er auch sein Amt lieben gelernt. Er hat es nicht gern übernommen. Für die Ehre mag er nicht unempfindlich gewesen sein, die Bürde der Verantwortung hätte er ohne Zögern auf sich genommen. Aber er fürchtete, das Amt werde ihm nicht erlauben, seiner großen Leidenschaft für die Außenpolitik zu leben. Er war Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses und wäre es gern geblieben, hätte gern, informiert und informierend, das Gespräch weitergeführt, angeregt und ermahnt.

Wäre er auch gern Außenminister geworden? Unter Konrad Adenauer gewiß nicht, dazu gingen die Auffassungen der beiden zu sehr auseinander. Aber eines Tages? Wer weiß? Die Aussicht mag ihm manchmal geleuchtet und ihn beflügelt haben. Nun mußte er auf unabsehbare Zeit darauf verzichten und sich in strenger, nur selten durchbrochener Zurückhaltung üben. Der Verzicht war schmerzlich, aber er vollzog ihn bewußt. "Die Fraktion hat gesprochen, ich gehorche."

Er war und ist immer noch ein unbequemer Mann, mit der einem Politiker oft gefährlichen Neigung, die Dinge selber zu durchdenken und dann offen, gelegentlich schroff seine Meinung zu sagen. Wenige in der Fraktion sind dem mächtigen Kanzler so entschieden entgegengetreten wie er. Aber es kam nie zur Rebellion. In dem eigentümlichen Spannungsverhältnis zwischen eigenständiger Gewissensentscheidung und Respekt vor der als Pflicht gesehenen Aufgabe, auch vor der Autorität des Älteren, des Staates und der Fraktion, hat er sich oft an den Dingen und an den Menschen gestoßen und schließlich doch immer wieder dem größeren Ehrgeiz entsagt.

Die Frage erhebt sich immer wieder, ob er nicht dazu berufen war, mehr zu werden als der Wahrer der Würde des Parlaments, ob er nicht mit seinen Erfahrungen und seinem Mut ein großer Täter der Politik hätte werden können. Viele haben es von ihm geglaubt, gehofft, manche fühlen sich von ihm enttäuscht. Noch vor kurzem hat er auf eine Frage, ob er sich nicht selber für einen geeigneten Kanzler halte, nur kurz geantwortet, er fühle sich als Präsident ganz wohl.

Das Wichtige und vielleicht das Schlimme an der Antwort ist, daß sie wenigstens zu drei Vierteln nicht nur Koketterie oder kluge Taktik ist. Taktik, die unbedingt geboten scheint in einem Volk, das seine Politiker am liebsten den ganzen Tag mit dem Kategorischen Imperativ unter dem Arm herumwandeln sieht und das nicht das Kausalverhältnis zwischen dem Ehrgeiz zur Macht und der schöpferischen Tat anerkennen will.

Es ist wirklich so, seinem Ehrgeiz fehlt die Leidenschaft, das verzehrende Feuer. Das "ôte-toi, que je m’y mette" wäre nie über seine Lippen, nie in seine Gedanken gekommen. Gewiß, als er 1958 in einer der Sternstunden des Parlaments – von diesem Parlament versäumt wie so viele Sternstunden – vorschlug, die stockenden Verhandlungen über die deutsche Einheit zu beleben durch Gespräche über den militärischen Status, als er und andere damals die letzten großen Möglichkeiten zu fruchtbaren Verhandlungen erkannten, da mag ihn wohl der Wunsch überkommen haben, selber das Steuer in die Hand zu nehmen. Und als er in den letzten Jahren seinen Fraktionskollegen Schröder auf Wegen sah, auf denen die Freundschaft mit Frankreich verlorenzugehen drohte, da mag er wieder gewünscht haben, die Geschicke wirklich zu lenken und nicht nur über sie zu beraten.

Aber er hat sich immer wieder beschieden. "Die Macht ist eine Göttin, die sich nur dem ergibt, der sie mit Inbrunst begehrt." So ähnlich hat es der neugewonnene Freund Eugen Gerstenmaiers, der französische Staatspräsident, ausgedrückt. Aber für solche Inbrunst ist Gerstenmaier vielleicht zu intellektuell, vielleicht hat er zu sehr hinter das Wesen der Macht geschaut. Er mag Wahlkämpfe nicht, weil sie naturnotwendig primitiv, einfach, derb geführt werden. Und er mag die Mittel nicht, mit denen man sich eine Hausmacht in der Partei gründet. Er mag seine Schroffheiten nicht mildern oder aufgeben. Er glaubt, sich etwas zu vergeben, wenn er sich in den Kreis der Kameraderie begibt, ohne den doch Freunde, Genossen, Helfer schwer zu finden sind. Unbefangene Beobachter mögen ihn gerade wegen seines Mutes und darum auch wegen seiner Schroffheiten. Aber wer ist schon unbefangen? Auch Abgeordnete sind nur Menschen.

So hat Gerstenmaier gerade in dem zweithöchsten Amt unseres Staates seine Neigung und seine Fähigkeit weiter entwickelt, den Ereignissen denkend auf den Grund zu gehen und die Ergebnisse in einer Sprache mitzuteilen, die Klarheit, Kraft und Schwung miteinander vereinigt. Damit ist er zu einem der großen Erzieher der Deutschen geworden.

Er lehrt, wie man sich zu seiner großen Geschichte bekennen und doch die verwandelten Zeiten begreifen kann; wie man den Nationalstaat überwindet, eine übernationale Gemeinschaft baut und in ihr das geistige Profil seines Volkes bewahrt; wie man preußische Größe und Bismarcksche Staatskunst respektieren und doch nach neuen Formen des Staates suchen kann. Vor einigen Wochen, vor dem Jüdischen Weltkongreß, ist er in der großen Auseinandersetzung mit dem am schwersten zu tragenden Teil unserer Geschichte vollends zum Gewissen der Nation geworden.

In drei Jahren wählen wir das Staatsoberhaupt neu. Gott sei Dank ist das öffentliche Leben der Bundesrepublik nicht so arm an bedeutenden Köpfen, daß wir nur auf einen Mann angewiesen wären. Aber wenn wir einen Würdiger zu finden trachten, wird in der ersten Reihe der Name Eugen Gerstenmaier nicht fehlen.