In der vergangenen Woche gab es an den deutschen Aktienmärkten eine beachtliche Aufwärtsbewegung. Innerhalb von zwei Börsentagen zog der Aktienindex um rund 7 Prozent an. Eine solche Reaktion lag seit Wochen in der Luft. Dennoch ging diese Kurssteigerung über den Rahmen einer üblichen "technischen" Erholung hinaus. Sie wurde nämlich nicht allein oder vorwiegend vom sogenannten Berufshandel getragen, der es für an der Zeit hielt, seine Baissepositionen zu konsolidieren, vielmehr waren an den Käufen der Vorwoche entscheidend die privaten Bankkunden beteiligt, die ein wenig von ihrer bisherigen Reserviertheit aufgaben.

Das Konjunkturstabilisierungsgesetz wurde zur Initialzündung. Das kaufende Publikum ging davon aus, daß dieses Gesetz nach Überwindung der üblichen Schwierigkeiten noch Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres verabschiedet werden kann, "weil es sich keine Partei leisten kann, gegen Stabilisierung zu sein". Erst nach Inkrafttreten des Gesetzes kann sich die bisherige Bundesbankpolitik ändern, die sich – so glaubt man neuerdings vermuten zu dürfen – nicht mehr so stark gegen die Wirtschaft richtet, sondern endlich ausgeglichene Etats der öffentlichen Stellen erzwingen will. Die Wirtschaft fühlt die Bundesbank neuerdings auf ihrer Seite – auch das ist für ein besseres Börsenklima von Bedeutung. Günstig war ferner die bessere Liquidität des Bankensystems auf Grund von hereinfließenden Exporterlösen. Ob allerdings die größere Bewegungsfreiheit der Kreditinstitute von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten.

Deshalb ist es falsch, schon jetzt von der "großen Wende" zu sprechen, von der viele Aktionäre seit Jahren träumen. Dafür fehlen noch die Voraussetzungen, nämlich eine kräftige Zurücknahme des Zinsniveaus von heute 9,5 bis 10 Prozent sowie die Aussicht auf steigende Unternehmergewinne. Der Rentenmarkt ist zwar widerstandsfähiger geworden und seine Kurse sind teilweise um 1 Prozent gestiegen, aber noch haben die großen Kapitalsammelstellen ihre Zurückhaltung gegenüber den festverzinslichen Papieren nicht aufgegeben. Sie finden in Namenspapieren (auf die keine Abschreibungen vorgenommen zu werden brauchen) und in Schuldscheindarlehen lukrativere Möglichkeiten, ihr Geld anzulegen. Und die Unternehmergewinne? Gesellschaften, bei denen sie 1966 noch steigen werden, muß man mit der Laterne suchen. Wenn die Degussa in ihrem Aktionärsbrief schreibt, die Gewinne der abgelaufenen Monate entsprächen denen des Vorjahres, so ist eine solche Erklärung schon etwas Seltenes.

Was sich an der Börsensituation geändert hat, ist folgendes: Seit dem 1. Juli dieses Jahres – damals gab es den ersten nervösen Aufwärtssprung – wissen wir, daß größere Anlagen auf dem Aktienmarkt nur an schwachen Börsentagen möglich sind. Wer kaufen will, wenn die Kurse bereits steigen, muß sehr viel mehr bezahlen. Deshalb gibt es eine nicht geringe Anzahl von Leuten, die seither an Tagen mit rückläufigen Kursen ständig ihre Portefeuilles anzureichern pflegen. Da sich das Angebot auf der anderen Seite verringerte (und eigentlich nur noch aus den USA kam), wurde die Börse widerstandsfähiger. Kommen Anlagekäufe des Publikums und sogenannte Deckungskäufe des Berufshandels zusammen, so liegt eine hausseartige Situation in der Luft.

In der Vorwoche wurde die Aufwärtsbewegung durch einige Banken gebremst. Sie rieten ihrer Kundschaft, den steigenden Kursen nicht nachzulaufen und stellten Aktien zur Verfügung, die sie vorher billig aufgenommen hatten. Zwar wird auch in Bänkkreisen gelegentlich die Meinung vertreten, das "Schlimmste" liege nun hinter uns, aber das sei – so ist ebenfalls zu hören – noch kein Grund, eine Haussestimmung zu kultivieren. K. W.