Auf dem Jüdischen Weltkongreß, der kürzlich in Brüssel zusammentrat, wurden an Hand von Dokumenten erneut Beschuldigungen gegen einen Mann vorgebracht, der in Bonn ein hohes Amt bekleidet: gegen Friedrich Karl Vialon, Staatssekretär im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Gegen ihn sind zur Zeit zwei Ermittlungsverfahren anhängig, das eine in Koblenz, das andere in Bonn. Bei dem Koblenzer Kriegsverbrecher-Prozeß gegen den SD-Einsatzgruppenleiter Heuser hatte Vialon vor drei Jahren als Zeuge beschworen, vor 1945 nie etwas über den Massenmord an Juden gehört zu haben. Dabei war er seit 1942 in Riga mehr als zwei Jahre lang Leiter der Finanzabteilung beim NS-Reichskommissar Ostland gewesen. In diesem Bereich wurden damals viele hunderttausend Juden von den SD-Kommandos liquidiert. Obendrein erkannte Vialon vor dem Koblenzer Gericht die Echtheit von Dokumenten an, die seine Unterschrift trugen. Sie enthielten Anweisungen über die Sammlung und Verwertung von Schmuck, der den für die Ausrottung bestimmten Juden geraubt worden war. Inzwischen wurden weitere mit "Vialon" unterzeichnete Erlasse aus jener Zeit bekannt, in denen die Verwaltungsarbeit in den Gettos geregelt wurde.

In Koblenz prüfen die Staatsanwälte, ob der Staatssekretär einen Meineid leistete. Darauf stehen Zuchthaus und Ehrverlust. In Bonn wird untersucht, ob sich der Staatssekretär an Aktionen gegen Juden beteiligt hat.

Noch liegen die Ergebnisse der beiden Ermittlungsverfahren nicht vor. Wie aber ist es möglich, daß er derweil weiter amtiert? Friedrich Karl Vialon ist ein politischer Beamter und ein hoher dazu. Er hatte als Finanzfachmann in exponierter Stellung mit Maßnahmen, die Juden betrafen, zu tun. Wie lange dauert es eigentlich, bis jemand, auf dem der Verdacht lastet, er könnte sich damals mitschuldig gemacht haben, beurlaubt wird. D. St.