Von Karl Heinz Wocker

Lord Moran: Winston Churchill. The Struggle for Survival 1940–1965; Verlag Constable, London; 830 Seiten, 63 sh.

Zwei Bücher hat Charles McMoran Wilson, seit 1943 Lord Moran, über seine Erfahrungen als Arzt geschrieben. Das erste, "Anatomy of Courage", behandelt die Probleme des britischen Soldaten im unerbittlichen Stellungskrieg in Frankreich während der Jahre 1914-18. Kein Verleger wollte es herausbringen, da der Arzt in seiner Naivität geglaubt hatte, der Zweite Weltkrieg sei der rechte Augenblick, seine Schilderung der Schwierigkeiten des Durchhaltens zu publizieren. Macmillan lehnte das Buch für seinen Verlag ab, trotz der prominenten Fürsprecher, die Moran damals schon besaß. Er war der Arzt von Lord Beaverbrook, der ihn 1940 auch zum Hüter der Gesundheit des Premierministers bestellt hatte, auf Kabinettswunsch, sehr zum Ärger des Patienten, der sich kerngesund fühlte.

Mit seinem zweiten Buch, das er jetzt herausbrachte, hatte es Lord Moran leichter. England befindet sich in einer Krise, aber nicht in einem Krieg. Der Untertitel "The struggle for Survival 1940-1965" (Der Kampf ums Überleben) zeigt bereits, daß der Autor wieder seinen Lieblingsstudien nachgegangen war. Er hatte von neuem die legendäre britische Ausdauer untersucht, diesmal aber nicht an beliebigen militärischen Exemplaren der Rasse, sondern an derem bedeutendsten Objekt in diesem Jahrhundert, seinem Patienten Winston Churchill. Der Ärger mit den Verlegern blieb ihm erspart, dafür war deren Geschäftssinn zu geschärft. Statt dessen fielen die Kritiker, seine Berufskollegen und die Mitglieder der umfangreichen Churchill-Gemeinde über ihn her. Über viele Wochen zog sich der Sturm der Leserzuschriften hin, von der "Times" mit einem Auszug aus dem Ärzteblatt "Lancet" geschickt eröffnet. Das begann Ende April: doch noch im Juni schrieben Churchills verschiedene Sekretärinnen glühende Anklagen gegen den angeblichen Zerschmetterer ihres Idols. Dieweil machte das Buch seinen Weg als Bestseller.

Was löste die Diskussion aus" und was ist dabei herausgekommen? Morans Kritiker brachten drei Argumente vor. Er habe den hippokratischen Eid verletzt, er habe die Einwilligung der Angehörigen Sir Winstons nicht eingeholt und er hätte, wenn er schon schreiben zu müssen glaubte, das Buch nicht veröffentlichen dürfen; es wäre allenfalls vertretbar gewesen, wenn er das Buch im Britischen Museum für Historiker von übermorgen niedergelegt hätte: um jeden dieser Punkte entzündete sich ein langes Für und Wider.

Die Beanstandungen wurden teilweise etwas durchsichtig vorgetragen. Den Protesten der Ärzte gegen den Sündenfall ihres prominenten Kollegen – Moran war neun Jahre lang Präsident des "Royal College of Physicians" – merkte man nur zu deutlich an, daß sie mehr um das eigene Ansehen fürchteten als um das des großen Verblichenen. Dessen Einverständnis mit Morans biographischen Absichten hatte sich der Arzt als Trumpfkarte weise aufgehoben. Das Vorwort der Buchausgabe erwähnte nur, daß er dem Patienten seinen Plan mitgeteilt habe. Die Kritiker verlangten natürlich, auch die Antwort Churchills zu erfahren. Anfang Juni schrieb Moran das Gewünschte in einem Leserbrief. "Ich bin sicher", habe sein Patient erklärt, "daß mir alles Spaß macht, was Du über mich schreibst." In richtiger Abwägung des Verhältnisses zwischen "Charles" und "Winston" darf man das "you" hier wohl mit dem persönlichen Du übersetzen. Moran war mehr als der Arzt Churchills, er war ein Freund der Familie.

Als deren Vertreter reihte sich Churchills Sohn Randolph unter die Kritiker. Seine Mutter und er hätten nichts von des Vaters Zustimmung gewußt. Randolph, in Morans Tagebuch nicht gerade glänzend herausgestellt, ist seit 1953 der offiziell ernannte Biograph Churchills, Neid wegen des gestohlenen Donners kann also nicht ganz ausgeschieden werden. Der Labour-Abgeordnete Emrys Hughes schrieb der "Times", wem denn eigentlich Churchill gehöre: doch wohl der Geschichte und nicht etwa dem Sohn Randolph. Dieser ließ sich in der Folge auf eine kleinkarierte Fehde darüber ein, ob er die Churchill-Biographie von R. W. Thompson zu Recht oder zu Unrecht als "meretricious" (unecht, kitschig, mit dem Nebensinn hurerisch) bezeichnet habe. Randolphs großangelegte Biographie in fünf Bänden mit etwa ebenso vielen Dokumentarbänden wird im Herbst zu erscheinen beginnen. An der Gründlichkeit dieser Arbeit gibt es kaum einen Zweifel, wohl aber am Geschick Randolphs in literarischen Scharmützeln.