Von Dieter Roß

Winfried B. Lerg: Die Entstehung des Rundfunks in Deutschland. Josef Knecht Verlag, Frankfurt, 401 Seiten, 32,– DM

Die deutsche Rundfunkgeschichte hat sich rückwärts vorangearbeitet: Nach den Untersuchungen von Heinz Pohle und Hans Bausch, in deren Mittelpunkt die erste Phase des Nationalsozialismus und die zweite Hälfte der Weimarer Republik standen, legt Winfried B. Lerg nun eine Arbeit vor, die bis zu den bescheidenen Anfängen der drahtlosen Telegraphie in Deutschland um die Jahrhundertwende zurückreicht. Zwar wurde der deutsche Rundfunk erst 1923 "gegründet", doch der von Lerg behandelte Zeitraum enthält weit mehr als bloße Vorgeschichte, da die Entwicklung des Rundfunks in Deutschland schon weitgehend vorgezeichnet wurde, ehe es den Rundfunk überhaupt gab.

Der deutsche Rundfunk hat seine Herkunft aus einer Zeit staatsmonopolistischen Denkens nicht verleugnen können. Der gesetzliche Rahmen, in den er gezwängt wurde, bestand schon seit dem Telegraphengesetz von 1892, mit dem sich das Reich alle Rechte auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung gesichert hatte. Freilich handelte es sich hierbei vorerst eher um eine technische und wirtschaftliche als um eine publizistische Monopolstellung, denn das publizistische Mittel Rundfunk gab es noch nicht. Es erhielt seine Konturen erst im Laufe des Ersten Weltkrieges, als es der Industrie gelang, die staatlichen und militärischen Stellen auf die nachrichtlichen und propagandistischen Möglichkeiten der drahtlosen Telegraphie aufmerksam zu machen. Lerg stellt sehr eindrucksvoll dar, wie die Ausnahmesituation des Krieges und der ihm folgenden Revolution die Bedürfnisse der Staatssicherheit zum bestimmenden Prinzip des Aufbaus des deutschen Rundfunks machte. Der Staat wurde auch zum beherrschenden Kommunikator und, statt eine vielstimmige Publizistik zu fördern, betrieb er eintönige Nachrichtenpolitik.

Entgegengesetzte Bestrebungen, die auf eine Demokratisierung der Organisation und des Programms abzielten, traten nur zweimal hervor. Zunächst 1918/19 in den Versuchen der "Zentralfunkleitung", das Funkwesen aus dem Verwaltungsapparat der Reichspost herauszulösen und zu verselbständigen; dann 1923 in den Bemühungen des Ministerialrats Kurt Haentzschel aus dem Reichsinnenministerium, wenigstens den politischen Teil des Programms zu einem demokratischen Diskussionsforum zu entwickeln. Beides scheiterte an der Trägheit des Reichstages, der die Herrschaft der Staatssekretäre über das neue Massenmedium nicht verhinderte, und an der Zaghaftigkeit der verantwortlichen Politiker – nicht nur der Rechten; sie entschieden sich "am Scheideweg zwischen Vertrauen oder Mißtrauen in demokratische Prozeduren und in die politische Mündigkeit der Bürger" für die "obrigkeitsstaatliche Lösung" (S. 310).

Der geradezu ideale Exponent dieser Tendenzen war jener Mann, der noch heute gern als der "Vater des deutschen Rundfunks" gefeiert wird: Hans Bredow. Zunächst Direktor der Firma Telefunken und später Staatssekretär im Reichspostministerium, erweist sich Bredow schon durch seinen Werdegang als ein Symbol für das Weimarer Rundfunksystem, das sich politisch-organisatorisch auf die Staatshoheit und wirtschaftlich auf privates Unternehmertum stützte. Darüber hinaus präsentierte ihn sein scheinbar unpolitisches Managertum zur zweifellos wirksamsten Figur der Frühgeschichte des deutschen Rundfunks. Es ist ein hohes Verdienst Lergs, daß er den Zusammenhang von historischen Voraussetzungen und persönlichen Qualitäten für die Beurteilung Bredows erschließt. Bredows "Erfolge" erscheinen nunmehr eher als das Produkt einer historischen Konstellation denn als schöpferisches Werk eines überragenden Mannes.

Bredow hat in unzähligen Reden und Artikeln und schließlich in seinen umfangreichen Erinnerungen ein recht schmeichelhaftes Selbstbildnis hinterlassen, das bisher allzu oft unbesehen sogar von Historikern übernommen wurde. Erst die quellenkritische Arbeit von Lerg hat Bredows Wirken aus der reinen Luft biographischer Exklusivität gelöst und in einen größeren historischen Zusammenhang gebracht. Damit schreibt der Autor zugleich ein Stück Geschichte der Weimarer Republik und illustriert an einem beispielhaften Vorgang die "stille Sehnsucht nach der Restauration".

Lergs Darstellung schließt mit dem Jahr 1926. Sie legt – freilich unausgesprochen – jedoch zwei Überlegungen nahe, die weiter und bis in die Gegenwart reichen. Einmal den Schluß, daß die Weimarer Rundfunkordnung völlig ungeeignet war, der nationalsozialistischen Gleichschaltung des Rundfunks irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen; zum andern die Erfahrung, daß es ebenso illusionär wie gefährlich ist, die Organisation und den Gebrauch des Rundfunks nach anderen als politischen und publizistischen Maximen bestimmen zu wollen, denn die Konsequenz auch jedes anderen Ordnungsprinzips, sei es technisch oder wirtschaftlich, wird stets politischer Natur sein. Daran zu erinnern, ist angesichts des "Fernsehstreites" sicher nicht unnötig.