Pierre Gaxotte: Geschichte Deutschlands und der Deutschen, I. Band. Verlag Rombach, Freiburg. 520 Seiten, 26,– DM

Das Buch beginnt mit einem Satz, bei dem der Leser sogleich betroffen innehält: "Die Geschichte Deutschlands ist die Geschichte eines unglücklichen Volkes." Man denkt nach, prüft, wagt ab... und gibt dem Autor recht.

Der eine Satz gibt schon einen Begriff davon, daß der französische Autor ein selbständiges Urteil über unsere Geschichte hat und sich nicht scheut, es auszusprechen. Dieser Zug geht durch das ganze Buch. Gaxotte ist zu bescheiden, wenn er im Vorwort sagt: "... es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Werk. Es handelt sich um ein Buch zum Hausgebrauch, das der Autor unter Verwendung von Arbeiten der Fachhistoriker in der Absicht geschrieben hat, diese Arbeiten allen zugänglich zu machen." Gewiß, er mag für dieses Buch kein Archivstudium betrieben haben. Aber er beherrscht seinen Stoff, durchdringt ihn, ordnet ihn ein in größere Zusammenhänge, mißt die Ereignisse mit der Wahrheit und Gerechtigkeit. Darum ist es doch ein wissenschaftliches Buch; freilich eines, das auch der Laie gern liest.

Was ist das besonders Französische daran? Das ist nicht leicht zu sagen. Gaxotte sieht unsere Geschichte nicht, wie es denkbar gewesen wäre, mit feindseligen Augen. Er schreibt ganz sachlich und unbefangen.

Aber vielleicht läßt sich das Französische in dieser Darstellung diesmal aus der Liebe erschließen, mit der Gaxotte die Entwicklung der Kleinstaaten schildert. Der Leser wird vielleicht glauben, Gaxotte führe das Erbe Richelieus und Ludwigs XIV. fort; doch er schreibt aus dem Gefühl der Bewunderung. Ihn bedrückt der Zentralismus seines Landes, und er beneidet uns um den Reichtum an Hauptstädten; er freut sich an ihrer Kraft und ihrer Blüte. Er sieht aber auch, welch hohen Preis wir dafür zahlen müssen, und mit Teilnahme verfolgt er unsere Versuche, eine "eigene Nation" zu werden, wie Hugo von Hofmannsthal es nannte.

Man darf nicht denken, daß solche Thesen die Darstellung völlig beherrschten. Sie strömt dahin und geht liebevoll ein auf farbige Einzelheiten. Anderthalb Jahrtausende werden lebendig, gri.