Hat Präsident Johnson den Kampf gegen die Inflation in den Vereinigten Staaten aufgegeben? Die Antwort ist ein entschiedenes Nein, aber man hat in Washington beschlossen, diesen Kampf bis nach den Wahlen im November zurückzustellen. Die Ereignisse der letzten Wochen lassen daran keinen Zweifel mehr. Wie es dazu gekommen ist, ist eines der interessantesten Kapitel in der Wirtschaftspolitik der USA. Manche freilich sagen, es sei eine der armseligsten Perioden, in der der Präsident es an jeder Führung für die amerikanische Wirtschaft habe fehlen lassen, in der der Politik die Vorherrschaft vor wirtschaftlichen Erfordernissen gegeben worden sei und dringend notwendige wirtschaftliche Entscheidungen aus politischen Gründen nicht gefällt wurden.

Die letzte Phase dieser Entwicklung begann vor etwa einem Monat, als die Mechaniker bei fünf der großen amerikanischen Luftfahrtgesellschaften wegen Lohnforderungen in den Streik traten. Nichts deutete damals an, daß dieser Streik, direkt und indirekt, zwei der schwersten Niederlagen zur Folge haben werde, die ein Präsident der Vereinigten Staaten je erlitten hat. Als sich der Streik hinauszog und 60 Prozent des inneramerikanischen Luftfahrtsystems lahmgelegt blieb, schaltete sich der Präsident ein. Auch dann blieben die Verhandlungen noch schwierig, aber es gelang der bewährten Überredungskunst des Präsidenten nach einiger Zeit, die Parteien zu einem Kompromiß zu bringen. Eine Lohnerhöhung um 4,3 bis 4,5 Prozent zeichnete sich ab.

Der Präsident selbst verkündete es dem Volk über das Fernsehen – und drei Tage später hatten die Mitglieder der Gewerkschaft, denen der Vorschlag zur Ratifizierung vorgelegt werden mußte, den Johnson-Kompromiß abgelehnt, und zwar mit 75 Prozent der Stimmen. Der Präsident zog sich leicht beleidigt von den Verhandlungen zurück.

Diese Niederlage des Präsidenten, der mit seinem Vorschlag zum ersten Male erheblich über die von ihm selbst festgelegten Richtlinien von 3,2 Prozent für Preis- und Lohnerhöhungen hinausgegangen war, gab denen in der Industrie Oberwasser, die Preiserhöhungen versucht hatten, aber durch nicht allzu sanften Druck des Präsidenten zur Zurücknahme der Preiserhöhungen gezwungen worden waren.

Dazu gehörte die Stahlindustrie. Eines der mittleren Stahlwerke machte den Anfang, und wenige Tage nach der Ablehnung des Lohnangebots in der Flugindustrie hatten alle Stahlwerke, die großen und die kleinen, Preiserhöhungen für Walzprodukte bekanntgegeben. Die Wirtschaft hielt den Atem an. Prompt ließ sich dann auch der Vorsitzende des Wirtschaftsberatergremiums des Präsidenten hören. Er sagte, die Stahlpreiserhöhung sei ganz ohne Zweifel inflationär und sie sei "unverantwortlich". Es wirkte daher sensationell, als wenige Tage später der Finanzminister und der Handelsminister, die beide von einer Sitzung bei Präsident Johnson kamen, genau das Gegenteil sagten. Beide meinten, die Stahlpreiserhöhung sei gar nicht so schlimm und ihre inflationäre Wirkung sei sehr unbedeutend.

Als der Präsident dann auf einer rasch einberufenen Pressekonferenz die Sache ebenfalls bagatellisierte, wurde klar, was passiert war. Die Regierung wollte keinen offenen Bruch mit der Industrie herbeiführen, der zweifellos gekommen wäre, wenn der Präsident nach seinen über die Richtlinien hinausgehenden Zugeständnissen an die Gewerkschaften der Industrie gleiche Zugeständnisse versagt hätte.

In späteren Erklärungen bestätigte der Präsident, was ohnehin schon jeder wußte: Die Richtlinie von 3,2 Prozent war tot und begraben. Es war nicht mehr die Rede von ihr, sondern nur noch davon, daß jeder Fall individuell behandelt werden müsse und daß die Wirtschaft – Unternehmertum und Arbeiterschaft – Exzesse vermeiden und immer daran denken sollte, daß die drohende Inflation bekämpft werden müsse, die Inflation, von der viele in den USA anderwärts behaupten, daß sie nicht mehr drohe, sondern schon da sei.