Wolfgang Amadeus Mozart: "Sinfonien A-dur KV 201 und B-dur KV 319"; Berliner Philharmoniker, Leitung: Herbert von Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 002, 25,– DM

Wolfgang Amadeus Mozart: "Sinfonien D-dur KV 385 (,Haffner‘) und Es-dur KV 543"; Cleveland Orchestra, Leitung: George Szell; CBS (Epic) BC 1106, 25,– DM

An Mozart müssen, sie sich entscheiden, die Orchester und die Dirigenten. Wenn sie es dort schon nicht mit den Vertretern der historisch getreuen Aufführungspraxis halten, müssen sie zeigen, wie "modern" sie sind.

Wer bislang glaubte, Karajan als Dirigent, das bedeute a priori schnelle Tempi und freche Dynamik, scharfe Akzente und nüchtern-distanzierte Interpretation, der wundert sich: Szell bietet weitaus forschere Tempi, er hat zudem in diesen manchmal sogar rasanten Sätzen sein Orchester präziser an der Hand. Karajan macht seine "Schnelligkeit" der Finali dagegen geschickt auf: Er überdehnt zuvor die langsamen Sätze, die Andante und auch die Menuette. – Karajäns Mozart enthält heute Pathos, geschmäcklerische Zelebration, aus klassischem Ebenmaß ist Überkultiviertheit, aus der galanten Sinfonia ein Demonstrationsstück geworden, dessen Tendenz zur Esoterik sich nicht verleugnen kann. Szell dagegen kommt manchmal von der Romantik nicht ganz los: Sein Mozart hat häufig mit Brahms zu tun, mit großem Orchestervolumen, mit dramatischer Entwicklung und hinter-, gründiger Düsternis. Aber Szell hat die Originalphrasierung besser studiert, die Legatobögen läßt er weit exakter ausführen als Karajan, der mehr al fresco spielen läßt. Es kommt hinzu, daß die amerikanische Aufnahme ein helleres Klangbild besitzt als die deutsche, die Streicher und Holzbläser sind klarer gezeichnet, das ganze Orchester ist brillanter. Während Karajans Mozart-Sinfonien als "schöne Stücke" zu genießen sind, will Szell den Hörer eher aufregen als beruhigen – fast schon eine Frage, wer da wohl der modernere sei. Heinz Josef Herbort