Als einen traumhaften, ebenso archetypischen wie autobiographischen Bilderkosmos sieht und deutet Jean Cassou das Werk von Marc Chagall. Die Kindheit in Witebsk hat dem Maler den Fundus von Themen, Figuren und pittoresken Details geliefert, den er sein Leben lang nicht müde wird zu variieren. Das Werk als wiedererstandene Kindheit, die von der jeweils wechselnden Lebenssituation – Paris, New York, Südfrankreich – und in gewissem Umfang auch von den sich verändernden formalen, stilistischen Konstellationen anders reflektiert wird. Jean Cassou will nicht vom Erlebnis zum geschaffenen Bild vordringen, sondern gerade umgekehrt "rückschauend vom Bild zum Erlebnis zurückfinden".

Chagall selbst stellt ihm in seinen eigenen biographischen Aufzeichnungen reichliches Material zur Verfügung, das der Autor gelegentlich, etwa beim Motiv des Fliegens, psychoanalytisch überinterpretiert. Im letzten Kapitel seines ungewöhnlich interessanten, herrlich bebilderten Buches behandelt er "Chagall als religiösen Maler", wobei er vor allem den Einfluß des Chassidismus betont, der den Maler gerade vor dogmatischer oder konfessioneller Enge bewahrt. Das Buch ist hervorragend ausgestattet, die deutsche Ausgabe ist bei Knaur in der volkstümlichen Reihe "Künstlermonographien in Farben" herausgekommen, der preiswerte Band ist ein erster publizistischer Hinweis auf Chagalls achtzigsten Geburtstag im Juli 1967. (Jean Cassou: "Chagall"; Verlag Droemer Knaur, München/Zürich; 288 Seiten mit 140 Schwarzweißabbildungen und 46 Farbtafeln, 22,50 DM.) G. S.