Von Rino Sanders

Hören wir seine Freunde, so müssen wir ihn für eine Art Wiener Literatur-Picasso halten, einen Proteus, der achtlos Gedichte und Stile verstreut, einen Anreger, in dessen Fußspur Gruppen, Schulen und Manieren wachsen, während er selbst neuen Experimenten, neuen Erfahrungen nachschweift. Konrad Bayer, der sich vor zwei Jahren das Leben nahm und nun zu Nachruhm kommt, ein Freund und Schüler auch er, bekannte: "Er war mir Anschauung, Beweis, daß die Existenz des Dichters möglich ist."

Hören wir seine Freunde, so müssen wir uns glücklich schätzen, daß von den "vielleicht tausend Gedichten, die zum gut Teil bereits verschollen sind" (Chotjewitz), wenigstens einige gerettet und geborgen sind in dem Band

hans carl artmann: "verbarium", gedichte; Walter Verlag, Olten/Freiburg; 92 Seiten, 9,80 DM.

Sind es die besten? Der Zufall liest nicht nach qualitativen Prinzipien aus. Vielleicht hat Artmann viel bessere geschrieben, vielleicht sind gerade sie verlorengegangen, haben sich zumindest nicht angefunden, sind aus des verschwenderischen Poeten Füllhorn in private Laden, Alben und Archive geflattert. Es heißt, Sammler klaubten ihm die Sachen unter der Feder weg.

Man sieht, dem Manne wächst eine Legende. Erst jüngst brachte er es zu einem Spiegel-Artikel. Fest steht, daß er heute in Berlin lebt. In Wien hatte er es in den fünfziger Jahren zu Lokalruhm und Bestsellerehren gebracht. Seine Dialekt-Gedichte "mit ana schwoazzn dintn" trugen ihm öffentliche Gunst ein. Proben dieser und manch anderer Arbeiten wurden in den Band des Walter Verlags nicht aufgenommen. Gleichwohl enthält er Belege für neun Jahre poetischer Entwicklung: die "epitafe" (53), "sieben lyrische verbarien" (54), "treuherzige kirchhoflieder" (ebenfalls 54), "auf meine klinge geschrieben" (60) und "berliner gedichte" (62), die aber gar nicht alle in Berlin entstanden.

Beim ersten Lesen fällt beträchtlicher Schönklang auf, ein Schönklang, um den es Artmann offenbar besonders zu tun ist. Etliche Gedichte, wie etwa die Verbarien, sind geradezu Übungen, das Silbenmaterial ganz heterogener Wörter ohne Rücksicht auf Sinn in Einheiten homophonen Schönklangs zu organisieren. Sein Vermögen, die assoziationsauslösenden Sinn- und Sinnbild-Komponenten eines Wortes zu kalkulieren, bleibt dahinter zurück.