Von Petra Kipphoff

Es begann mit einem jener Manifeste, die so furchtbar sind, daß die Folgen, wie auch immer sie sein mögen, sich nur positiv davon abheben können. "Wir schlagen vor", so formulierten es Irlands Dichter W. B. Yeats, Lady Augusta Gregory und Edward Martyn im Jahre 1898, "daß gewisse keltische und irische Stücke zur Aufführung gelangen sollen, die, wie gut oder schlecht sie auch immer sein mögen, geschrieben sind mit einer hohen Zielsetzung und so eine Schule keltischer und irischer dramatischer Literatur schaffen."

In Irland ist alles anders: Mit diesem edelschrecklichen Bekenntnis, das hierzulande allenfalls einen oberbayerischen oder niederdeutschen Heimatverein in Trab gesetzt hätte, begann die Geschichte des berühmtesten irischen Theaters, des Abbey-Theatre (auch wenn es erst 1904 in die Räume in der Abbey Street, der es seinen Namen verdankt, einzog), und die Karriere von Dramatikern wie Synge, Yeats und O’Casey.

In Irland ist alles anders: In den Julitagen dieses Jahres, als das neue Abbey Theatre, genau 15 Jahre, nachdem das alte ausgebrannt war, vom irischen Staatspräsidenten feierlich eröffnet wurde, standen in den Zeitungen nicht nur Premierenberichte, sondern stand da auch folgende Geschichte zu lesen: Der Dichter Prisonias O h-Eachairn, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angeklagt, erschien zur Gerichtsverhandlung in Gort, Grafschaft Limerick, mit seinem neuesten Opus, das er mit Erlaubnis des Richters auch vortragen durfte. Nachdem Richter Hurley die Ballade, in der in bewegenden Worten die Lage des unschuldig träumend das Gaspedal bedienenden Poeten geschildert wird, angehört hatte, verkündete er das Urteil: "Alles verschwor sich gegen Sie. Ich erkenne Ihnen Bewährungsfrist zu, ernenne sie zum poeta laureatus des Gerichts von Gort und gewähre Ihnen die poetische Lizenz."

Mit einer Art dramatisierter Geschichte seiner selbst feierte Irlands über die Grenzen berühmtes Nationaltheater seine Wieder- und Neueröffnung. "Recall the Years" ist eine Kollage von Szenen aus berühmten Abbey-Stücken, Passagen aus Filmen, in denen große Abbey-Schauspieler auftraten, verbunden durch erzählte oder gespielte Ereignisse aus der bewegten und so irischen Geschichte des Theaters. Lady Gregory tritt im schwarzen Kostüm und mit dem energischen Gestus der Witwe auf und rezitiert mit strenger Stimme jenes Manifest, das den Irish Literary Theatre" -Verein ins Leben rief, der seinerseits 1904 in der "Irish National Theatre Society" aufging, welche wiederum der Grundstein für das Abbey und alles, was dazugehörte, war.

Man kann Zeuge werden, wie jene kluge und unerschrockene Dame sich 1909 gegen den Lord Lieutenant zur Wehr setzt, der im Auftrage der englischen Krone die Aufführung von Shaws "Shewing Up of Bianca Posnet" verbietet. Yeats, groß und leicht vornübergebeugt, im dunklen Umhang und stets ein Stück Dichtersträhne vor den verrutschten Brillengläsern, ist meist an ihrer Seite. Nur einmal fehlte er in entscheidender Stunde: Als 1907 Synges "Playboy of the Western World" (mit der "Western World" waren die Aran-Inseln gemeint) Premiere hatte. Zornige und noch patriotischer gesinnte Menschen als Yeats und Lady Gregory protestierten lautstark gegen die angebliche Verunglimpfung irischen Wesens durch dieses Stück, die sie besonders darin sahen, daß der Playboy Christy Mahon das Wort "shift" (Höschen) ausspricht. Lady Gregory, der entfesselten Masse gegenüber hilflos, telegraphierte an Yeats in London: "Audience broke up in disorder at the word shift. What should I do?" Und Yeats kabelte zurück: "Leave it on."

Die Hausdramatiker des Abbey, so will es dem Zuschauer von "Recall the Years" 1966 erscheinen, haben das Gründungsmanifest oft unnötig ernst genommen: Bereits eines der ersten vom "Irish Literary Theatre" aufgeführten Stücke, Yeats "Countess Cathleen", ist ein so mythisch-romantischer Kitsch, daß man sich die Situation eines Landes, in dem so ein Stück als nationale und liberale Tat gilt (das dann tatsächlich auch die Kritik der katholischen Kirche heraufbeschwor), gar nicht verworren und verzweifelt genug vorstellen kann.